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Alle kennen Rita

Ein Inserat in der Glückspost brachte Rita Ledermann vor vier Jahrzehnten in die Oltner Waadtländerhalle. Als Wirtin jasste und sang sie mit ihren Gästen, machte sich mit ihren Rösti einzigartig. Ihre Beiz ist ein Daheim für viele. Nun bangt sie aber um ihr Erbe.
29. Dezember 2021
Text: Yann Schlegel, Fotografie: Timo Orubolo

Der Holztisch ist tatsächlich ein Holztisch. Das Glas Fendant gibt’s für 3.60 Franken. Die Wärme im Raum spenden Gussheizkörper. Schwarz-weisse Wandfotos erzählen Oltner Geschichten aus vergangenen Tagen. Die Fasnacht schreit von den Wänden herab, ist hier drin ein wohlbehütetes Brauchtum. Fast schon museal widmet das Lokal den Obernaaren eine eigene Galerie. Der Stammtisch ist nicht bloss noch ein Requisit. Hier drin ist jeder Tisch ein Stammtisch. Ueli kennt Christof. Christof kennt Franz. Franz kennt Esther … Alle kennen sie Rita.

«Die Beizen sind tot», sagte der Solothurner Schriftsteller Peter Bichsel, als der erste heftige Lockdown der Pandemie im Frühsommer 2020 vorüber war. Der Journalist der NZZ muss ihn, den berühmtesten Beizenhocker, in einem schicksalsergebenen Moment erwischt haben.

Sie mögen spärlicher geworden sein, diese Orte, an welchen die Menschen nicht zuerst an sich selbst glauben, sondern als Gemeinschaft denken. Wo Anonymität auch wirklich noch ein Fremdwort ist. Wo sich die Kleinstadt auf einen Dorfplatz runterdividieren lässt. Wo das Zusammensein fast so wichtig ist, wie was auf den Tisch kommt. Orte, wo, was gewesen ist, eben noch immer ist. Darum sind Beizen heute auch zu Sehnsuchtsorten geworden. Aber sie leben noch.

Zurück ins Jahr 1978

Ein Rebstock umgarnt den Schriftzug der Waadtländerhalle an der Marktgasse. Durchs Milchglas dringt nur das spärliche Licht des grauen Novembernachmittags nach aussen. Erst die niedere Holztür gibt den Blick in die Gaststube frei. Rita Ledermann sitzt an einem kleinen Tischlein gegenüber dem Tresen. Mit ihren Augen, die ruhig sind wie ein See an einem windstillen Tag, mustert sie, wer daherkommt. Seit Jahrzehnten schon ist dieses Tischlein der Ort, wo sie innehält.

Auf ihrem Stuhl findet sie zwischen dem regen Treiben Zeit für sich. In ihrem «Beizli», wie Rita ihr zweites Daheim liebevoll nennt. Gefühlt ihr ganzes Leben hat sie in diesem Lokal im Herzen der Oltner Altstadt verbracht. «Früher war’s mehr ein Spunten», sagt sie. Das «Früher» reicht für Rita ins Jahr 1978 zurück. Der Kanton Jura wurde gegründet, mit Willi Ritschard war ein Solothurner Heizungsmonteur Bundespräsident, Johannes Paul II. wurde zum neuen Papst gewählt, der Präsident der USA hiess Jimmy Carter. Und Rita entdeckte in der Glückspost ein Inserat, wonach in der Oltner Waadtländerhalle eine «Serviertochter» gesucht sei.

Teddy, Toulouse und Tiger

«Jawohl, du kannst morgen anfangen», habe ihr der «Tiger» – wie alle den damaligen Wirt nannten – gesagt, nachdem sie sich vorgestellt hatte. Rita ging heim, packte ihre Sachen und zog nach Olten. In Vordemwald war sie aufgewachsen, in Zofingen machte sie im Restaurant Schwert die Lehre zur Köchin.

Aus dem Radio säuselt Popmusik. Über dem Tresen neben der Uhr hängt ein Foto vom Tiger. Als Beizer war er in der Kleinstadt eine Institution. «Er schaut noch immer zu, was wir machen», sagt Rita. Am anderen Eck blickt ein Teddybär vom eingebauten Gläserschrank in die Gaststube runter. Ein Geschenk vom Tiger an sie, wie Rita, leidenschaftliche Teddybär-Sammlerin, erklärt. Vor elf Jahren starb der vormalige Patron des Hauses zwischen Fasnacht und Fukoabend. In jener Jahreszeit, die ihm als Fasnächtler selbst am meisten bedeutete. Bis er 70 Jahre alt war, hatte er die Waadtländerhalle geführt.

«Als bekannt wurde, dass der Tiger aufhört, hatten wir alle Angst, dass aus dem Lokal etwas ganz anderes wird», sagt Rita. Eine Beiz als Wirtin zu verantworten, eigentlich hatte sie dies nicht gewollt. Aber die Gaststube war ihre Welt, ebenso die langen Abende. Schon in der Schulzeit hatte sie im Restaurant Zur unteren Säge in Vordemwald ausgeholfen und so ihr Sackgeld verdient.

Ob nicht sie des Tigers Erbe weiterführen wolle, fragten sie viele. Sie ging heim und beriet sich mit ihrem Partner. «Komm, das machen wir», habe er gesagt. Seit 21 Jahren ist Rita Herrin des Hauses. Ihr Partner macht ihr die Buchhaltung und die Einkäufe. Einmal pro Woche geht er zum Grosshändler – Rita schreibt die Einkaufsliste. Über all die Jahre blieb er im Hintergrund, kehrte kaum mehr ein, seit sie die Wirtin ist. «Das gibt nur Chritz», sagt Rita. «Wenn dir Sepp etwas erzählen will und der Partner auch, da hörst du Sepp zu, weil er der Gast ist.»

Ja früher …

Wer über vier Jahrzehnte lang in einer Gaststube den Wandel der Zeit in der Kleinstadt miterlebt hat, spricht wohl naturgegeben mit einer Portion Nostalgie. Vergleicht den Ist-Zustand gerne mit damals. Leere Schaufenster, verwaiste Lokale. Das Ladensterben und die schwindende Beizenkultur betrüben Rita. Früher war die Altstadt noch belebter, als sie morgens ihre Wohnung in der Rötzmatt verliess, zur Altstadt hochlief und in der Bäckerei ihr Brot holte, um dann in der Küche Gschwellti für die Rösti aufzusetzen. «Heute haben wir noch das Kolping, den Chöbu, dann ist bald mal fertig mit den Beizen», sagt Rita. Was sie unter Beiz versteht? «Du kannst reingehen, ein Jässlein machen, mal zusammen ein Lied singen. Ein Ort, wo du eine Familie hast.»

Als Wirtin war Rita stets Teil dieser Familie. Oder vielmehr jene, die die Familie zusammenhält. Am liebsten sitzt sie selbst am Jasstisch und klopft mit ihren Gästen einen Schieber. Heute kennt sie noch gut die Hälfte der Leute, die in der Waadtländerhalle ein- und ausgehen, persönlich, schätzt Rita. Früher, erzählt sie, habe sie noch fast jeden Gast mit Namen gekannt, wusste sie, wer zuerst das Bier trank, wer den Kaffee mit vier Zuckerwürfeln nahm und wer zum Schluss noch einen Kaffee Lutz wollte. «Damals kam vor allem Arbeitervolk in Spunten wie diesen», sagt sie. Heute zähle sie vom Direktor bis zum Stift die gesamte Palette zu ihrer Stammkundschaft, was sie wiederum als positiven Lauf der Dinge empfindet.

Wäre dieser persönliche Draht zu den Menschen, die ihre Gaststube betreten, nicht, so wäre Rita kaum Wirtin geblieben. Draussen veränderte sich vieles, aber die Waadtländerhalle blieb Beiz. Gerade weil sich das Kleinstädtchen wandelte und das traditionelle Gewerbe zusehends verschwand, wollte Rita weiterhin für die Menschen da sein. Pfeilschnell antwortet sie auf die Frage, was ihr als Wirtin am meisten bedeute. «Die Anerkennung. Hier gehen so viele Leute raus und sagen: ‹Danke vielmal, es war fein. Wir hatten eine schöne Zeit bei dir.›» Daraus schöpft sie bis heute Kraft. Sie sage immer, ihre Bedienung und sie selbst seien Psychiater, Krankenschwester, Seelsorgerin … – von allem ein wenig. Selbst Mama. Von den jüngeren Stammgästen kehrten viele eines Tages in Begleitung zu ihr zurück. «Jeder kam mir sein neues Chätzli vorstellen», sagt sie und lacht.

Literweise Schnaps

Ihrem Vorgänger hingegen wurde vielmehr die Rolle des harten Hausherrn zugeschrieben. «Ihn hat man verkannt», sagt Rita. Er sei zu den Angestellten sehr warmherzig gewesen. Wer reinkam und Lärm machte, bekam aber seine direkte Seite zu spüren. «Der Einzige, der hier drin auf den Tisch klopft, bin ich», habe er zu sagen gepflegt. Er sah sich durchaus auch als Erzieher, gerade der jungen Leute.

Die damaligen Verhältnisse wären heute aber unvorstellbar. Im Spunten, in welchem Rita als Bedienung begann, herrschte ein rauer Umgang. Das lag nicht zuletzt am massiv höheren Alkoholkonsum, erklärt sie. «Früher schenkten wir übers ganze Jahr hinweg literweise Schnaps aus.» Heute werde höchstens noch an der Fasnacht in diesem Rahmen getrunken. Die Trunkenheit wirkte sich auf das Aggressionslevel aus. «Wir mussten auch immer mal wieder die Polizei kommen lassen.»

Toulouse in memoriam: Der berühmte Kater und «König von Olten» übernachtete zwischendurch gerne mal in der Waadtländerhalle.

Zu essen gab’s beim Tiger bloss Sandwiches und Würstchen. Dafür harassenweise Bier. Weihnachten war für Rita der schlimmste Tag im Jahr. «Ich kannte ja die Leute und wusste, dass sie später noch daheim mit den Kindern Weihnachten feiern würden. Stell dir vor, sie saufen und saufen den ganzen Tag über …» Trotzdem moralisierte Rita bei ihren Gästen nie. «Ich hatte meinen Alkohol ja auch», sagt sie. Heute trinkt sie kaum noch, weil es sie sehr müde macht. Sie lächelt, während Erinnerungen hochkommen. An die wilden Tage ihrer Jugend. Per Autostopp kam sie damals in die Oltner Industrie und feierte im Kulturlokal Dampfhammer durchzechte Nächte. «Da erlebte ich meine Jugendsündenzeiten.»

Noch ahnte sie damals nicht, dass Olten zu ihrer Heimat werden und sie eine Traditionsbeiz prägen würde. Von hier wegzuziehen ist für sie heute undenkbar. Auch wenn sie sich neulich erstmals auf dem Heimweg fürchtete, als zwei suchtkranke Menschen aufdringlich um Geld bettelten. Auch ihr gibt die aktuelle Situation mit den Randgruppen am Kirchensockel zu denken. Obwohl sie weiss, dass suchtkranke Menschen schon immer da waren. Nur waren sie weniger sichtbar, weil sie sich in den 70er- und 80er-Jahren weniger in der Innenstadt, sondern etwa im Dampfhammer in der Industrie aufhielten. Sie weiss, auch ihr Alter verändert die Perspektive. «Weil wir damals jünger waren, haben wir’s nicht so erlebt wie jetzt», sagt Rita.

Zukunft: ungewiss

Nun bangt sie. Um ihr eigenes Erbe. Im Herbst 2022 geht sie in Pension. Die Waadtländerhalle soll darüber hinaus bleiben, wie sie ist. Eine Beiz eben. «Das wäre mir enorm wichtig», sagt Rita. Dann flüstert sie fast schon: «Aber ich glaube nicht wirklich daran.» Doch sie tut alles dafür, dass es weitergeht. Gemeinsam mit den Besitzern des Hauses entwarf sie eigens für die Nachfolgersuche ein Tischset. Gesucht: ein neues Gesicht für den Tiger.

Wäre da nicht eine Pandemie, die Voraussetzungen für eine künftige Wirtin könnten nicht besser sein. Rita hat daran weitergebaut, was der Tiger hinterlassen hatte. Über 130 Anlässe finden bei ihr in normalen Zeiten jährlich statt. Für zahlreiche Vereine, Parteien und Fasnachtszünfte ist die Waadtländerhalle wie ein Daheim. Rita erzählt von den Aufstiegsspielen des Handballvereins, die sie besuchte. «Wenn sie gewannen, gab’s ein Fest. Du hast zu diesen Vereinen dazugehört.» Die Faustballer, der FC Fortuna, der FC Olten – sie alle gehören oder gehörten mal zu den Stammgästen. Die Vaudoiseschränzer gründeten sich in der Waadtländerhalle, ebenso die Läckerli und die Rätschwyber.

Plötzlich die Bösen

Über all die Jahre verleidete ihr das Wesen als Wirtin nie. «Erst jetzt mit Corona», sagt Rita. «Klar überleben wir mit dem Geld, das wir vom Staat kriegen, aber es ist nicht das Gleiche.» Kommt hinzu, dass sich gerade in der Gaststube die gespaltene Gesellschaft bemerkbar machte. «Einige unserer Stammgäste sind nicht geimpft», sagt sie. Die Zertifikatspflicht führte unweigerlich zu Diskussionen – sie sind Rita verdrossen.

«Gewisse behandelten uns, als wären wir die Bösen», sagt sie. Besonders von den Anfeindungen betroffen war ihre Bedienung, die aus der Ukraine stammende Nelia. Die Wirtin schwärmt von ihrer Angestellten, seit sechs Jahren ist sie ihre treue Begleiterin. Nun habe sie schwere Zeiten hinter sich. In den vergangenen Monaten musste sie rassistische Kommentare erdulden. «Warum muss ich dir jetzt meine ID zeigen?!», hätten Gäste ihr etwa an den Kopf geworfen. Nur wenn Rita vom Sommer spricht, funkeln ihre Augen vor Freude. Da war die Schwerelosigkeit für kurze Zeit zurück, scheinbar alles wie vor der Pandemie.

Rita ist sowas wie die Helvetia Oltens. In ihrer Gaststube vereint sie Menschen mit diversen Meinungen und aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Ihr höchster Anspruch: Zu allen gleich sein, sie ohne Vorurteile behandeln. Dazu erzählt sie eine kleine Episode: Eine ihrer Stammkundinnen sei immer fein hergerichtet erschienen, schwer parfümiert und geschminkt. Bei ihren Besuchen habe sie sich gerne über einen etwas ungepflegten Stammgast mokiert, der in einer Wohnung im Haus lebte und ab und zu mit offenem Hosenlatz in der Gaststube einkehrte. Die Frau verstummte an jenem Tag, an dem sie erfuhr, dass der Mann den Doktor in Mathematik besitzt. «Darum sage ich allen gleich Grüezi», sagt Rita. «Ein Gast, der seine Stange jede Woche trinken kommt, ist ebenso wichtig, wie jemand, der halbjährlich ein Fläschli bestellt.»

Die Rita-Rösti

Am Montagabend ist Olten ein ruhiger Fleck. Die Gassen sind menschenleer. Nur die Weihnachtsbeleuchtung erhellt die dunkle Winternacht. Aus der Waadtländerhalle fällt Licht auf die Pflastersteine. Die Beiz lebt als einer der wenigen Orte auch am Montag.

Rita empfängt im weissen Kochkittel mit ihrem musternden Blick, dann zeigt sie ihr warmes Lächeln und verschwindet alsbald in der Küche. Die Rita-Rösti sind ein fester Begriff in Olten und weit darüber hinaus. «Ich wollte was machen, was es in Olten sonst kaum gibt», sagt sie. Mit dem traditionellen Schweizer Gericht wandelte sie den Tiger von der Spelunke zum Beizli. Schuf sie etwas Gastronomisches, womit sich die Gäste identifizieren können. Obwohl ihre Rösti unverkennbar sind, behält sie die Rezeptur nicht geheim. Sie erzählt gern, was die Rita-Rösti auszeichnet. Zwei bis drei Tage lässt sie Gschwellti im Kühlschrank ruhen. Jeweils am Abend presst sie die am Nachmittag geschälten Charlotte-Kartoffeln in die Raffel und röstet sie dann im Kokosöl goldbraun. Noch immer isst sie selber gerne von ihren Rösti. «Die mit Gorgonzola mag ich am liebsten.»

Der Beizen-Trick

Der süssliche Duft der Rösti breitet sich in der Gaststube aus, wo am langen Tisch am Eingang eine ältere Männerrunde wie jeden Montagabend zusammengefunden hat. Rita serviert meinen Pfefferminztee in ihre Mitte. «So fängt das an, als 70-Jähriger sitzt du wie wir hier», sagt einer aus der Runde. Einige vom Stamm sind bei Rita gelandet, weil ihre Beiz am anderen Ende der Altstadt seit einiger Zeit am Montagabend nicht mehr öffnet.

Kaum aus der Küche zurück, bemerkt Rita sogleich, wer am Tisch sein Glas leergetrunken hat. «Nimmst du jetzt schon deinen Kafi?», fragt sie rhetorisch und eilt hinter den Tresen. «Hier drinnen herrscht Ordnung», weiss Ueli Müller und lacht. Der Ur-Oltner war 1988 Obernaar. Er kehrt schon seit Jahrzehnten in der Waadtländerhalle ein und kannte Rita bereits, als sie als junge Frau in den Tiger kam. «Sie ist die gute Seele des Hauses – der Tiger war der alte Chef», sagt er.

Was diesen Ort so speziell macht, will ich von der Runde wissen. Leicht verwunderte Blicke kommen zurück. Die Antwort ist ebenso simpel wie die Frage. «Es ist eine Stube», sagt einer. Die anderen nicken. «Das war ja schon der Trick vom Café Ring und vom Chöbu. Du kennst immer jemanden, wenn du reingehst», fügt Christof Schelbert an. Dass es hier nicht weitergehen könnte, scheint für die grauhaarigen Männer fast undenkbar. Reagan, Bush und wie sie danach auch hiessen, Rita habe sie alle überdauert, meint einer. Ein Ende der Waadtländerhalle wäre «sündenschade», findet er.

Dann wenden sie sich wieder den kleinen und grossen Themen zu, die in einer Kleinstadt eben zu reden geben.


Erzähl uns deine persönliche Geschichte aus der Waadtländerhalle.

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