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Das Gefühl, nicht systemrelevant zu sein

Philipp Künzlis «Cultural Relevance» porträtiert Kulturschaffende und Künstlerinnen, während sie über ihre Erfahrungen und Empfindungen der letzten anderthalb Jahre der Pandemie sprechen. Zu sehen sind eindrückliche Porträts und ein rund 25-minütiger Film, der Einblicke in die Gefühlswelt der Porträtierten gewährt.
9. September 2021
Text: Joshua Guelmino, Fotografie: Timo Orubolo, Philipp Künzli

Philipp Künzli rahmt gerade die letzten Fotos für seine Ausstellung «Cultural Relevance» im ehemaligen Atelier des Oltner Fotografen Werner Rubin. Durch die milchglasige Fensterfront, die dem Raum den Charme eines Pariser Altstadt-Loft verleiht, züngeln die letzten Strahlen der Oltner Mittagssonne. Der leicht süssliche Duft von frisch aufgetragener Wandfarbe liegt in der Luft. Künzli ist der erste Künstler, der im «RiO – Raum in Olten» seine Werke ausstellen darf.

Philipp Künzli, wie hast du die letzten anderthalb Jahre erlebt?

Als in Berlin lebender Filmschaffender war ich selber auch von den Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie betroffen. Von einem Tag auf den andern wurde entschieden, welche Berufe in Deutschland systemrelevant sind und welche nicht. Kitas waren fortan nur noch für Familien mit systemrelevanten Berufen zugänglich. Kulturschaffende wie meine Frau Anna Bucher und ich gehörten nicht dazu. Für uns hiess das, jemand musste die Familie ernähren und jemand für unseren 3-jährigen Sohn Janosch schauen.

Nach kurzer Zeit erhielt meine Frau einen Job als Art Direktorin bei einer Netflix-Produktion. Von da an war eigentlich klar, dass ich die nächsten elf Monate auf den Kleinen schauen werde. Finanziell half uns neben der Netflix-Produktion auch der Solothurner «Preis für Film», den ich letzten Herbst erhalten habe. Von daher hatten wir wirklich Glück.

Du wurdest von einem Tag auf den anderen als «nicht systemrelevant» abgestempelt. Was hat das mit dir gemacht?

Der Begriff an sich war nicht entscheidend. Aber ich hatte schon sehr Angst, was jetzt passiert. Kontakte, die ich über Jahre aufgebaut hatte, konnte ich plötzlich nicht mehr pflegen. So kam es auch, dass zwei Projekte, bei denen sich etwas entwickelte, einfach hops gegangen sind. Das hat dann schon zu einer extremen Unsicherheit geführt. Als freischaffende Künstler sind wir ja in der privilegierten Situation, dass wir unsere grosse Leidenschaft im Beruf ausüben dürfen. Unsere Arbeit ist immer auch eine Art Identifikation. Plötzlich nicht mehr arbeiten zu dürfen, hat mir dann auch meine Identifikation genommen. Damit hatte ich schon sehr Mühe. Dennoch hat sich mit der Zeit ein gewisser Fatalismus entwickelt und man sagt sich selber, dass alles gut kommt, und man versucht tapfer zu sein.

“Plötzlich nicht mehr arbeiten zu dürfen hat mir dann auch meine Identifikation genommen.” Philipp Künzli

Hat dir «Cultural Relevance» auch geholfen, diese Zeit zu verarbeiten?

Zum einen gab mir diese Katharsis die Möglichkeit, herauszufinden, was ich wirklich will. Gleichzeitig kehrte auch nie wirklich Ruhe ein, weil ein kleines Kind natürlich viel Aufmerksamkeit braucht. So kam es, dass ich tagsüber Daddy war und am Abend von halb neun bis zehn Uhr Gespräche mit Kulturschaffenden führte.

Die Arbeit an «Cultural Relevance» hatte insofern etwas Heilendes, dass ich gesehen habe, dass es eigentlich allen gleich ergangen ist.

Mir ist bewusst, dass das auch etwas Klagen auf hohem Niveau ist. Ich habe immerhin die Möglichkeit, meiner Leidenschaft nachzugehen, aber viele Familien haben keine Eltern, die sich schnell zweieinhalb Wochen Zeit nehmen können, um auf den Enkel aufzupassen.

Vorbereitungen im RiO des Mokka-Rubin in Olten

Du hast vorhin die Identifikation mit der Arbeit angesprochen. Kehrte diese in den letzten Wochen vor der kommenden Vernissage wieder etwas zurück?

Diese Möglichkeit gab mir tatsächlich etwas das Gefühl, dass diese Identifikation wieder zurückkommt. Das war wirklich super. Dennoch: Ohne meine Schwiegermutter, die nach Berlin gereist ist, um während dieser Zeit auf unseren Sohn zu schauen, wäre all das gar nicht möglich gewesen.

Sah der erste Sommer nach Ausbruch der Pandemie ähnlich aus für dich?

Es war schon auch eine Möglichkeit, um mal durchzuatmen und nicht ständig dem Druck ausgesetzt zu sein. Natürlich hatte ich im Gegensatz zu Beat Schlatter und Lisa Christ immer noch den Kleinen an der Seite, der mich täglich auf Trab hielt, dennoch hatte der Sommer 2020 auch für mich etwas sehr Befreiendes.

Welche Parallelen zwischen den Porträtierten und dir sind dir bei den Gesprächen aufgefallen?

Die grosse Auseinandersetzung mit der Pandemie und was jetzt aus einem wird mit all den existenziellen Fragen wie «Wer braucht denn meine Kunst überhaupt?» habe ich bei vielen Kulturschaffenden wie auch bei mir selber gefunden. Die Schwierigkeiten werden momentan etwas verdrängt. Wenn ich Kolleg:innen versuche telefonisch zu erreichen, sind viele in Proben oder grad anderweitig beschäftigt. Während ich für diese Ausstellung gearbeitet habe, habe ich auch gemerkt, dass wir eigentlich ein Verdrängungstier sind. Wir verdrängen die schwierigen Erlebnisse, wo man dachte «what the fuck?». Als Entschädigung für diese Momente laben wir uns an der Freude der Leute an unserer Kunst.

Fotografie aus der Serie “Cultural Relevance” von Philipp Künzli
“Ich hatte den besten Sommer ever: wenig Termine und leicht einen sitzen” – Lisa Christ, Bühnenpoetin und Satirikerin

Was bedeutet für dich «Cultural Relevance»?

«Cultural Relevance» ist ja eigentlich ein Wortspiel in Anlehnung an den Begriff Systemrelevanz, den ich wahnsinnig anstrengend finde. Mir fehlt bei dem Begriff der Dialog über den Stellenwert von Kunst und Kultur. Systemrelevanz ist definiert durch ein kapitalistisches System, in dem grosse Unternehmen Rahmenbedingungen schaffen, in denen Künstler florieren können. Dabei sollte man doch über Gesellschaftssysteme diskutieren, die künstlerische Entfaltung auch ausserhalb davon ermöglichen.

Ich wollte mit «Cultural Relevance» einen Schritt weitergehen und fragte mich: «Was ist die Relevanz für die Kulturschaffenden?». So ist der Begriff eigentlich entstanden.

«Ich wünsche mir vielmehr einen gesellschaftlichen Dialog darüber, was und wohin wir als Gesellschaft wollen.»

Wenn du einen Wunsch frei hättest, was wäre das?

In meinen Gesprächen kam oft der Satz auf: «Kunst und Kultur sind systemrelevant». Ich würde jetzt nicht per se so weit gehen. Es kommt darauf an, von welchem System man ausgeht. Ich wünsche mir vielmehr einen gesellschaftlichen Dialog darüber, was und wohin wir als Gesellschaft wollen. Vielleicht drückt grad der Sozi bei mir ein bisschen durch. Wir hatten jetzt anderthalb Jahre Zeit für eine Reflexion. Ist dieses ständige Vorantreiben tatsächlich das, was uns guttut? Ich bin mir nicht sicher.

Worauf freust du dich am meisten an der Vernissage?

Schauspielerin Milva Stark und Kabarettist Diego Valsecci werden die erste Folge ihres Podcasts «Neulich bei den Schauspielers» vortragen. Dabei nehmen sie den Blick von heute und reisen zurück in die Zeit zu Beginn des Lockdowns mit all seiner Naivität. Das wird sehr lustig und darauf freue ich mich.

«Cultural Relevance»: vom 10. September bis 13. November im RiO / Mokka Rubin


Wie hast du die letzten anderthalb Jahre erlebt?

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