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Die Sternschnuppen-Macherinnen

Die Oltner Kulturorganisationen lassen sich auch im Corona-Jahr nicht beirren und geben mit dem Kulturadventskalender ein kräftiges Lebenszeichen. Wir blicken hinter die Kulissen des Erfolgsprojekts.
20. November 2020
Text: Yann Schlegel, Fotografie: Timo Orubolo
Nur ein kleiner Kern einer grossen Menschengruppe aus der Region: Gemeinsam stellen sie seit acht Jahren die Sternschnuppen auf die Beine. Matthias Kunz, Cécile Steck, Tabea Glinz und Finja Basan (von links).

Die Oltner Sternschnuppen sind längst zum Fixstern am Oltner Kulturhimmel herangewachsen. Bis zu 450 Menschen strömten letztes Jahr an Spitzenabenden in die Stadtkirche und in die Schützi, um sich von einer Kulturdarbietung überraschen zu lassen. Die Adventszeit und die Sternschnuppen gehören für viele Oltnerinnen zusammen. Fernab der Weihnachtshektik öffnet der Kulturadventskalender an 23 Abenden ein halbstündiges Fenster. Und die Sternschnuppen sollen den Menschen auch in diesem Jahr Lichtblicke bringen. Auch wenn alles anders ist und die Kulturbranche von den Pandemiemassnahmen arg gebeutelt ist. Kein anderer Anlass eint die Oltner Kulturszene, wie es die Sternschnuppen tun: 23 Kulturveranstalter bilden gemeinsam einen grossen Verein. Eine grosse Mehrheit des Plenums entschied, die Sternschnuppen trotz aller Widrigkeiten durchzuführen.

Die Sternschnuppen sorgten in den letzten Jahren immer wieder für magische Momente in der vollen Stadtkirche. Foto: Benjamin Widmer

Im neunten Sternschnuppen-Jahr hat der Verein einen Umbruch hinter sich. Daniela Hurni gab das Präsidium an Matthias Kunz und Stefan von Burg ab. Um die beiden Präsidenten hat sich eine junge Kerngruppe gebildet, welche die Organisation stemmt. Wer sind die Sternschnuppen-Macherinnen?

Viele Menschen stünden hinter dem Projekt, betonen sie alle. «Einzigartig an den Oltner Sternschnuppen ist, dass sie von so vielen Kulturveranstaltern getragen werden», sagt Matthias Kunz am Telefon. Der Berner ist ein «Kultur-Oltner» und in der Region bekannt als die eine Hälfte des Theater-Kabarett-Duos Strohmann-Kauz. Als selbstständig tätiger Schauspieler sei das Jahr für ihn gelaufen, sagt Kunz. «Seit März habe ich gewissermassen ein Berufsverbot.»

Also bleibt mehr Zeit für den Kulturadventskalender. Er sei gerade daran, den Adventskalender zum dritten Mal neu zu organisieren. Die steten Massnahmenänderungen sind für die Kulturschaffenden nervenaufreibend: Vor eineinhalb Monaten gingen die Veranstalter noch davon aus, die Sternschnuppen würden mit Schutzkonzept und grossem Publikum stattfinden können. Mittlerweile zittern sie, zählen die Tage und hoffen, Anfang Dezember überhaupt loslegen zu dürfen. Nach den aktuellen Pandemiebestimmungen dürfen pro Abend dreissig Zuschauer den Sternschnuppen in der Schützi beiwohnen. «Ich hoffe noch darauf, dass der Kanton auf die Bundesvorgabe zurückkommt und fünfzig Personen erlaubt», sagt Kunz.

Muss wegen Quarantäne die Fäden vorübergehend von zu Hause aus ziehen: Stefan von Burg in seinem Garten in Olten

Unabhängig davon, wie viele Menschen die Sternschnuppen in der Schützi besuchen dürfen, werden die Kulturmomente dank Videoübertragung gleichwohl einem breiten Publikum geboten. Coq d’Or-Barbesitzer Daniel Kissling sagte früh schon, er glaube nicht, dass die Sternschnuppen mit Publikum stattfinden könnten. «Im schlimmsten Fall streamen wir einfach», hatte Co-Präsident Stefan von Burg damals erwidert. Nur noch zweieinhalb Wochen bleiben, noch immer rechnen die Organisatoren mit jedem Szenario. «Wir sitzen die ganze Zeit über auf glühenden Kohlen», sagt von Burg.

Als Veranstaltungstechniker ist er seit März in der Kurzarbeit. Das Sternschnuppen-Projekt habe ihm in diesem schwierigen Jahr Energie gegeben. Und weil sein Arbeitgeber Event-One mit den Absagen von Anlässen zu kämpfen hatte, begann sich das Kleinunternehmen im Frühling mit der Kameratechnik auseinanderzusetzen. Vom neu erworbenen Wissen des gelernten Tontechnikers mit Übernamen «Tech-Stef» profitieren nun auch die Sternschnuppen. Mit dem sechsköpfigen Technikerteam liefert von Burg die 23 Advents-Kulturmomente übers Internet in die Stuben all jener, die keinen Platz in der Schützi finden. Die Übertragung wird jeden Abend live und exklusiv um 18.15 Uhr übertragen. So bleiben die Kulturmomente vergänglich, wie Sternschnuppen es sind.

Ein Gemeinschaftswerk

Für Cécile Steck hat die Videoübertragung der Sternschnuppen nach Corona keine Zukunft. «Kultur muss unmittelbar stattfinden», sagt die Starrkirch-Wilerin am Telefon ein wenig ausser Atem. Normalerweise würde Cécile Steck dieser Tage bei «Monti’s Varieté» in Wohlen Regie führen und die Aufführungen vorbereiten. Stattdessen forstet sie nun eine überalterte «Hoschtert» mit jungen Hochstamm-Obstbäumen auf, wie sie erzählt. Daneben ist ihr Sternschnuppen-Ämtli dieses Jahr besonders anspruchsvoll. Mit einem siebenköpfigen Team ist sie für das Herzstück des Kulturadventskalenders zuständig: das Programm.

Um dieses auf die Beine zu stellen, können die Sternschnuppen auf die zahlreichen Vorschläge der 23 Kulturveranstalter zurückgreifen. «Wir versuchen alle Kulturgenres zu berücksichtigen und so ein abwechslungsreiches Programm zu bieten», sagt sie. Flexibilität ist gefragt: Mit den neuen Bestimmungen darf etwa ein Laienchor nicht mehr auftreten. Und bei unerwarteten Absagen müsste das Programmteam kurzfristig Ersatz aufbieten. Trotz unsicherer Situation: Für viele Kulturschaffende sind die Sternschnuppen ein Lichtblick. «Die Dankbarkeit ist enorm», sagt Cécile Steck.

Ein Defizit als Zeichen der Stärke

Der Verein nimmt für die diesjährigen Sternschnuppen bewusst einen Verlust hin. Selbst bei einer Absage wäre der Verlust beträchtlich gewesen. Die Kulturschaffenden hätten in diesem Fall 30 Prozent der Gage als Ausfallentschädigung erhalten, wie Oli Krieg, Hüter der Sternschnuppen-Finanzen, berichtet. Auch nach seiner Pensionierung engagiert sich der vormalige Schützi-Geschäftsführer für die Kultur. Jetzt, wo die Sternschnuppen stattfinden sollen, rechnet der Verein mit einem höheren Verlust. Mit kleinem Publikum wird die Kollekte als wichtigste Einnahmequelle viel tiefer ausfallen. Der Kulturadventskalender hofft darum zudem auf Kollekten, die auch über den Videostream möglich sein werden. «Wir können uns die Durchführung nur leisten, weil die Sternschnuppen in den letzten beiden Jahren so erfolgreich waren», sagt Oli Krieg.

TeKiTeKua bei einer Tanzshow an den Oltner Sternschnuppen. Foto: André Albrecht

Der Kulturadventskalender erhält Beiträge von Kanton und Stadt – kann aber auch auf treue Sponsoren zählen. «Sie garantierten uns alle trotz reduziertem Publikum ihr Engagement», sagt Finja Basan, «einige sprachen uns sogar mehr Geld zu». Die Partner erhalten als Abendsponsoren eine der 23 Sternschnuppen als Plattform. Gemeinsam mit Tabea Glinz gehört Finja Basan zu den Neulingen im Sternschnuppen-Kernteam und verantwortet die Öffentlichkeitsarbeit und das Sponsoring.

Auch Lucian Kagerer ist neu in der Kerngruppe dabei und für die Infrastruktur zuständig. Er fand über den Kulturverein Mission8 zu den Sternschnuppen. Wegen der Pandemie verzichtet der Kulturadventskalender in diesem Jahr auf einen Standortwechsel und bleibt in der Schützi stationiert. «Logistisch ist dies ein Vorteil», sagt der Student. Jedoch gehören die diversen Spielorte zu den Sternschnuppen dazu. Dies soll auch so bleiben, wenn die «Normalität» zurückkehrt.

Transparenz-Hinweis: Ihr kennt Finja Basan als unsere Concierge – bei den Sternschnuppen ist sie für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Kolt ist Sponsor der 23 Sternschnuppen.

Alle Infos zu den Sternschnuppen: https://www.23sternschnuppen.ch/
Da nur 30 Plätze pro Abend verfügbar sind, besteht eine Reservationspflicht. Tickets sind online, in der Buchhandlung Klosterplatz und bei Olten Tourismus erhältlich. Das Kino Koni und Kino Capitol übertragen die Sternschnuppen jeweils live: Reservationen über youcinema.

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