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Raus aus dem fossilen Winterschlaf

Du heizt daheim mit Gas, oder gar mit Erdöl? Dann bist du in der Region Olten nicht allein. Grossen Energiefirmen entging dies nicht. Sie drängen mit klimafreundlichen Wärmeverbünden auf den Markt. Warum das für die Kleinstadt Fluch und Segen ist.
3. Februar 2022
Text: Yann Schlegel, Fotografie: Timo Orubolo

Irgendwann kam das Klimaabkommen von Paris in den Politgremien des Kantons Solothurn auf den Tisch. Bis 2050 will die Weltgemeinschaft Netto-Null beim CO2-Ausstoss anstreben. Auf lokaler Ebene einen Anfang zu machen, wäre ein Ansatz gewesen. Nur scheiterte die kantonale Politik bisher daran, ein zeitgemässes Energiegesetz mehrheitsfähig zu machen. Im letzten Jahr erlitt auch die nationale Vorlage für ein CO2-Gesetz Schiffbruch.

Ist die Energiewende zum Stillstand verdammt? Nicht überall. In vielen Städten brauchte es oftmals nur geringfügigen politischen Druck als Initialzündung. In Basel, Zürich, Aarau oder auch Chur korrigierten die städtischen Werke ihre Strategie teilweise radikal. Das Potenzial, den CO2-Ausstoss zu senken, ist gerade in urbanen Gebieten enorm: Da viele städtische Betriebe sich lange auf ihren Gasnetzen ausruhten, gehören die Städte heute noch überproportional zu den «Klimasündern». Viele fossile Heizungen sind noch immer in Betrieb.

Mit dem Umdenken werden sie zusehends durch Wärmeverbünde ersetzt. Die Energieversorger glauben nun daran, dass sich klimafreundliche Heizungssysteme für ganze Quartiere und Städte wirtschaftlich lohnen. Selbst wo die Politik die Energiewende verschlafen hat, erhöht die Privatwirtschaft nun den Druck.

Was hast du für ein Heizsystem? Und: Fernwärme als Zukunftsmodell

Auf diese Frage wissen viele Menschen, die in der Stadt oder Agglomeration eine Wohnung mieten, meist nicht einmal die Antwort. Die Heizung funktioniert nach unserem Selbstverständnis einfach, die Wärme strömt durch den Boden oder die Heizkörper, wenn’s draussen kalt wird. Viele der Mietwohnungen sind bis heute gerade im städtischen Raum an das feingliedrige Gasnetz angeschlossen, oder im Keller steht eine Ölheizung. Die beiden fossilen Energieträger sollen künftig verschwinden. Gas dürfte in erneuerbarer Form (beispielsweise Biogas) eine Zukunft haben – vor allem in der Industrie, wo für Prozesswärme hohe Temperaturen notwendig sind. Um dichtbesiedelte Gebiete zu heizen, setzen Energieversorger immer mehr auf Fernwärmenetze. Die Wärme gelangt dabei über ein Warmwassernetz in die Wohnungen. Um das Wasser aufzuwärmen, gibt es eine Vielzahl an möglichen Energieträgern:

  • Abwärme aus der Industrie oder einer Kehrichtverbrennungsanlage
  • Wärmepumpen (Erdsonden)
  • Kalte Fernwärme: Durch die technische Entwicklung genügt die Temperatur von Seen, Flüssen (Aare) oder vom Grundwasser, um sie in Fernwärmenetze einzubinden
  • Blockheizkraftwerke, beispielsweise mit Holzschnitzel, Pellets oder Biogas betrieben
  • Geothermie (Versuchsbohrungen in Basel wurden gestoppt, nachdem sie ein Erdbeben ausgelöst hatten)

Erst Stillstand …

Und in Olten? Hier schaute die Politik lange zu. Zwar wurden die Rufe, die Energiewende anzugehen, in der letzten Legislatur lauter. Zuvor aber liessen die Entscheidungsträger die Städtischen Betriebe Olten (sbo) mit ihrer Gasstrategie gewähren.

So etwas wie Aufbruchsstimmung hatte es im Jahr 2012 gegeben, als die Stadt angeführt durch die damalige Umweltfachstelle einen Energierichtplan erarbeitete. In diesem Dokument war eine grüne Energiezukunft für die Kleinstadt skizziert. Nur verblasste das Papier bald. Im Zuge der Alpiq-Finanzkrise schaffte das Oltner Parlament 2014 in der Budgetdebatte die Umweltfachstelle ab. Kurz zuvor hatte der damalige Stadtrat die Energieplanung beerdigt.

Das Papier existiert noch. Darin ist zu lesen, dass 2010 über 90 Prozent aller Oltner Wohnhaushalte durch fossile Energieträger (51 % Heizöl, 41 % Gas) geheizt waren. Den kleinen Rest machten elektrische Heizungen, Umweltwärme (Wärmepumpen) und Fernwärme, Biomasse oder Sonnenenergie aus. Die städtische Energieplanung sah vor, einen neuen Weg einzuschlagen: Grundwasser, Aarewasser, Erdsonden oder Holzschnitzel sollten als Energieträger künftig einen Grossteil von Oltens Wärmebedarf decken. Doch eben: Das alles blieb Vision.

… dann Blindflug

Wie gross das Potenzial ist, den CO2-Ausstoss einer Stadt mit Investitionen in Heizungen zu senken, lässt sich am Beispiel Zürich ablesen. Rund 50 Prozent der direkten Treibhausgasemissionen stammen dort aus dem Gebäudebereich. Verursacht sind sie durch die zu 70 Prozent mit fossilen Brennstoffen bereitgestellte Wärmeversorgung sowie den energetischen Zustand der Gebäude.

Zahlen wie diese fehlen in Olten. Obwohl die Kleinstadt das Energiestadtlabel innehat, weiss sie nicht genau, woran sie ist. Bloss von den städtischen Liegenschaften ist der Energieverbrauch bekannt, weil die Verwaltung diesen auf politischen Druck hin bis 2040 CO2-neutral gestalten muss.

Wie es gesamtstädtisch ausschaut, kann auch die Energiestadt-Beratungsfirma, welche Olten betreut, nicht wirklich schlüssig aufklären. Die neusten Zahlen stammen aus dem Jahr 2018, lassen sich aber nicht mit dem oben genannten Energierichtplan vergleichen. Trotzdem gibt’s eine Tendenz. Sie heisst Stagnation. Industrie und Wohnen zusammengenommen, bleibt das Bild ein ähnliches wie noch 2010: Die fossilen Energieträger Erdgas und Erdöl dominieren mit 88 Prozent.

Symptomatisch für den Kontrollverlust der Stadt steht das Beispiel Olten Südwest, wo der Eigentümer vor wenigen Jahren noch unbehelligt Ölheizungen installieren konnte.

Licht in Sicht

«Olten hatte in der Vergangenheit eine vergleichsweise passive Haltung inne», sagt Stadtbaumeister Kurt Schneider am Telefon. Er meint damit die Politik und die Städtischen Betriebe Olten (sbo). Die Einwohnergemeinde selbst baue natürlich keine Wärmeverbünde, greife nicht in den Markt ein. «Die Wirtschaftlichkeit wird darüber entscheiden, wo es einen Wärmeverbund gibt», sagt er. Und es liege an der Politik zu diskutieren, wie die Stadt die bevorstehende Energiewende begleiten und fördern wolle.

Die Signale aus der Politik waren zuletzt unmissverständlich: Olten soll das Energiethema mit klarem Kompass angehen. Der Stadtrat strebt das Energiestadtlabel Gold an und im Zuge dessen erfuhr die Umweltfachstelle ihre Reinkarnation im Parlament. Zudem wird ein Energierichtplan, der aufzeigt, wo welche Energiepotenziale vorhanden sind, Bestandteil der laufenden Ortplanungsrevision sein.

Darin würden viele offene Fragen beantwortet, hofft Beat Erne, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Städtischen Betriebe Olten. Obwohl: Die sbo haben bereits prüfen lassen, wie die künftige Wärmeversorgung in Olten aussehen könnte und wo sie sich dekarbonisieren, also ohne CO2-Ausstoss gestalten lässt.

Zehn Gebiete, die sich eignen könnten, sind in der Machbarkeitsstudie definiert. Im Fokus sollen zunächst die Quartiere Bifang-Hardfeld, Meierhof, je nach Entwicklung Olten Südwest und die Innenstadt stehen, wie Erne im Verlauf der Recherche zu diesem Beitrag preisgibt. Zunächst hatte er sich zurückhaltend geäussert.

Dafür gibt es einen guten Grund: Die Konkurrenz ist in Lauerstellung oder den Städtischen Betrieben gar voraus. Die sbo reagieren mit dem Strategiewechsel auch auf den Druck von anderen Energieversorgerinnen, die in Olten grosses Potenzial für erneuerbare Lösungen erkannt haben. Dazu später mehr.

Das einsame Vorzeigebeispiel

Dass die sbo erneuerbare Wärmelösungen anbieten können, bewiesen sie bisher erst auf der grünen Wiese. Seit zehn Jahren betreiben sie den Wärmeverbund Bornfeld – bis heute ist er ein einsamer Leuchtturm geblieben. Die mit Pellets und Erd-/Biogas betriebene Heizungszentrale bedient die neu erbauten Wohngebiete Bornfeld und Chlyholz sowie die Stadthalle Olten und künftig auch das neue Schulhaus Kleinholz mit Wärme.

Die Anlage ist derzeit der grösste Stolz der sbo und hat sich bewährt: Rund 1900 Einwohnerinnen oder rund 10 Prozent der heutigen Bevölkerung Oltens werden im Endausbau durch die Zentrale versorgt. «Wir möchten den Verbund weiterentwickeln», sagt Erne. Möglich wäre etwa, dass auch das Erlimattquartier oder die Platanensiedlung und der Hausmattrain mit Wärme bedient würden.

In anderen Stadtteilen wollen die sbo ab 2023 loslegen. «Das wird aber nicht von heute auf morgen geschehen», sagt Erne, «die neuen Wärmeverbünde werden ein Generationenprojekt.» Olten könne sich nicht wie Zürich oder Basel eine Spitzkehre leisten, die mit zig Millionen durch die öffentliche Hand gestützt wird.

Nur, wie viel Zeit haben die Städtischen Betriebe? «Im Wärmebereich ist das Rennen offen. Denkbar ist auch, dass wir mit anderen Energieversorgern zusammenarbeiten», sagt Erne.

Den Städtischen Betrieben ist nicht entgangen, dass grosse Energieversorgungsfirmen in Olten Fernwärmenetze aufbauen möchten. Denn das Wärmegeschäft ist ein freier Markt. Vor Jahren schon plante die Aargauer Energieversorgerin AEW ein Fernwärmeprojekt in der Stadt. Sie wollte zum einen die Abwärme vom Swisscom-Datenzentrum nutzen, zum anderen eine mit Grundwasser betriebene Wärmezentrale errichten. Sie scheiterte aber mit ihrem Baugesuch.

Aufgegeben hat die AEW aber ihre Pläne in Olten nicht. Sie prüfe weiterhin, wie sich ein Wärmeverbund in Olten realisieren liesse. Mehr gibt das Unternehmen auf Anfrage nicht preis – ein untrügliches Zeichen, dass der Konkurrenzkampf entbrannt ist. Wohl auch, weil die Energiewende auf sich warten liess.

Die Gaskessel im Kantonsspital in Olten.

Basel drängt nach Olten: Die Privatwirtschaft drückt aufs erneuerbare Pedal

Das derzeit konkreteste Projekt auf Oltner Boden stammt von den Industriellen Werken Basel (IWB). Die Basler Energieversorgerin hat im Bereich erneuerbarer Wärmelösungen bereits reichlich Erfahrung und betreibt am Rheinknie das grösste Fernwärmenetz der Schweiz.

«Wir kamen nach Olten und merkten, dass hier grosses Potenzial für klimafreundliche Wärmelösungen besteht», sagt Projektentwickler Dominic Festini am Telefon auf Anfrage. Im vergangenen Jahr begann die IWB, ein Fernwärmeprojekt in Trimbach aufzugleisen.

In Basel-Stadt müssen bereits jetzt fossile Heizungen durch klimafreundliche Wärmelösungen ersetzt werden. Auch durch den politischen Druck bedingt, verschrieb sich die IWB radikal der Energiewende. Mit einer eigens geschaffenen Abteilung «Wärmelösungen Schweiz» will der Basler Energiebetrieb expandieren. Ein Bild der Oltner Altstadt ziert die Webseite.

Warum eignet sich Olten? Die dichte Bebauung und die hohe Anzahl an alten, fossilen Heizungen machen Stadt und Agglomeration für die Energieversorgerin lukrativ.

Dank moderner Technik steckt selbst im Aarewasser genug Energie drin, um ganze Quartiere zu heizen. Und auch das Kantonsspital Olten, heute einer der grossen Gaskunden der Städtischen Betriebe.

Das Kantonsspital im Fokus

In einem ersten Schritt plant die IWB ein Fernwärmenetz im Trimbacher Leinfeldquartier. Im letzten Herbst schrieb die Basler Energieversorgerin die Bevölkerung vor Ort mit einem Fragebogen an, um herauszufinden, wie gross das Interesse an einem Fernwärmenetz-Anschluss ist. Sowohl die Anwohnerinnen wie auch die Gemeinde hätten positive Signale gegeben, sagt Festini.

Derzeit prüft die IWB anhand einer Machbarkeitsstudie, wie sich das Fernwärmenetz technisch betreiben liesse. Zugleich müsse es aber auch wirtschaftlich sein, so Festini. Als Wärmequelle könnten das nahe Aarewasser oder auch Holzschnitzel genutzt werden. Damit sich der Aufbau eines Fernwärmenetzes lohnt, ist ein Energieversorger auf Grosskunden angewiesen.

Im Gebiet zwischen Trimbach und Olten ist naheliegend, wer dies dereinst sein soll: Das Kantonsspital Olten ist derzeit einer der grössten Gaskunden der Region. Festini bestätigt, dass erste Gespräche mit Grosskunden stattgefunden haben – das Interesse an einer Fernwärmelösung sei vorhanden.

Trotz freiem Markt und entsprechender Konkurrenzsituation spielt die IWB mit offenen Karten und verheimlicht ihre Pläne in Trimbach und Olten nicht. Obwohl man schlafende Hunde wecken könne, setzt die IWB auf Transparenz. «Wir müssen unsere Pläne möglichen Interessenten zeigen, darum kommunizieren wir frühzeitig», sagt Festini. Der Wärmeverbund soll vom Kantonsspital an der Trimbacher Gemeindegrenze hin zum Oltner Hagmattquartier erweitert werden, wie eine Karte auf der Firmenwebseite aufzeigt.

Quelle: IWB

Wärmenetz, wie geht das?

Meist kämen viele Kunden dazu, wenn das Fernwärmenetz gebaut werde, erklärt Festini. Insbesondere ältere Generationen seien zwar anfangs zögerlich. Dabei biete das Fernwärmenetz grosse Vorteile. Das aufgeheizte Wasser wird über Leitungen direkt in die Häuser geliefert, womit die ganzen Heizungswartungen wegfallen.

Die Energieversorgerin – in diesem Fall die IWB – plant, betreibt und finanziert das gesamte Netz und die klimafreundliche Wärmeproduktion. Wer mit seiner Liegenschaft ans Wärmenetz anknüpfen will, bezahlt den Anschluss und kann vom Kanton Fördergelder geltend machen.

Bevor die Bagger in Trimbach auffahren und neue Leitungen in die Strassen legen, braucht die IWB jedoch die Zustimmung der Gemeinde. Und ganz konkret Verträge mit Fernwärmenetz-Kunden. Das Projekt wäre auf über 30 Jahre ausgelegt, die Leitungen würden mindestens 50 Jahre hinhalten. In Basel betreibt die IWB gar ein 80 Jahre altes Fernwärmenetz.

Das Dilemma der Stadt

Für die Städtischen Betriebe Olten wäre es ein bedeutsamer Verlust, sollten sie das Kantonsspital als Kundin verlieren. Der CVP-Kantonsrat Georg Nussbaumer hat schon mehrmals öffentlich die lethargische Gasstrategie der sbo im letzten Jahrzehnt kritisiert. Der Förster aus Hauenstein kennt sich in der Energiethematik bestens aus. Er sagt: «Wenn die sbo nicht offensiv neue Wärmelösungen suchen, dann werden sie überholt werden.»

Die sbo seien an die Wettbewerbssituation im für Grosskunden liberalisierten Strom- und Gasmarkt gewöhnt, beschwichtigt jedoch Verwaltungsratspräsident Daniel Probst. «Deswegen müssen wir unsere Strategie nicht ändern», sagt er. Und doch wollen die sbo nicht untätig bleiben. «Entweder gehen wir in Konkurrenz, oder wir suchen mit der IWB partnerschaftlich eine Lösung.» Ein Kontakt mit der Basler Firma hat bereits stattgefunden.

Dass neue Energiefirmen auf den Platz Olten drängen, bringt die Stadt in ein Dilemma. Das weiss auch sbo-Geschäftsführer Beat Erne. «Die Stadt möchte weiterhin Abgaben von den Städtischen Betrieben kriegen.» Als Eigentümerin erhält Olten jedes Jahr mehr als 3 Millionen Franken in Form von Bar- und Sachleistungen ausgeschüttet. Deshalb hat sie ein Interesse daran, dass die sbo funktionieren – mehr noch: erfolgreich wirtschaften. Erne sagt: «Wenn wir massiv in Wärmelösungen investieren, wird es eine finanzielle Delle geben.» Sprich: Die Gewinnausschüttung bleibt aus, bis die Wärmeverbünde amortisiert sind.

Unter diesem Vorwand gingen die sbo die Energiewende zögerlich an. Das eigene Gasnetz zu konkurrenzieren, war lange ein Tabu. Nun können sie nicht anders: Wenn andere Versorger sie aus dem eigenen Markt mit Wärmeverbünden verdrängen, wird es für die sbo langfristig wirtschaftlich noch schwieriger, erfolgreich zu sein.

Kann die Stadt unter diesen Vorzeichen eine neutrale Position wahren?

Als Hüterin der öffentlichen Infrastruktur prüfe die Stadt, ob neue Projekte die Anforderungen erfüllen, erklärt Stadtbaumeister Kurt Schneider. «Wenn eine Firma mit einem sinnvollen Konzept kommt, hört der Stadtrat sich dies an und wägt den Nutzen für die Bevölkerung ab.»

Zwar ist der Markt im Wärmebereich offen für alle, aber letztlich hat die Stadt doch die Hoheit: Damit eine Energieversorgerin Leitungen bauen kann, braucht sie eine Konzession für das definierte Gebiet. Schneider glaubt, dass die Koexistenz mehrerer Firmen in unterschiedlichen Stadtgebieten funktionieren kann. «Jede Firma hat ihre Kernkompetenz, kommt mit einem anderen Produkt», sagt er. Am Ende liege es an der Energieversorgerin, die Grosskunden für sich zu gewinnen.

Oder aber die Politik schiebt dem freien Markt einen Riegel. Etwa indem sie den Städtischen Betrieben eine Konzession fürs gesamte Stadtgebiet erteilt, gekoppelt an energetische Ziele. «Wir sind uns gebietsweise Konzessionen gewohnt und streben nicht mit aller Kraft eine Generalkonzession an. Wenn die Stadt sowas im Sinn hätte, wären wir offen für Gespräche», sagt Verwaltungsratspräsident Daniel Probst.

Quelle: zVg

Aarau: Alle Macht der eigenen Energieversorgerin

In der kleinräumigen Schweiz sind gute Beispiele oft nah. Bei der Wärmethematik genügt ein Blick in die Nachbarstadt Aarau. Wie die städtische Energieversorgerin dort agierte, mutet fast schon avantgardistisch an.

Im Jahr 2011 schon begann die örtliche Versorgerin, Eniwa AG, Lösungen zu suchen, um die Stadt mit erneuerbarer Wärme zu versorgen. «Eine Initiative hat uns wachgerüttelt, der Antrieb kam nicht direkt aus dem Unternehmen», sagt Geschäftsführer Hans-Kaspar Scherrer. Die Linke wollte damals Aarau als Energiestadt voranbringen – und löste ein Umdenken aus.

Scherrer mahnt aber davor, den Energieträger Gas zu verteufeln. «Wir dürfen nicht vergessen, dass Import-Winterstrom mehr CO2 drin hat als unsere Gasheizungen», sagt er. Strom, Wärme, Mobilität – all diese Bereiche müssten verknüpft gedacht sein, weshalb die Energiethematik auch so komplex sei. Potenziale sieht er überall. In Olten könnte Holz als Energieträger interessant sein, da die Stadt von Wald umgeben sei, mutmasst Scherrer.

Die hochmodernen Wärmepumpen in der neuen Energiezentrale der Eniwa im Aarauer Torfeld Süd. Quelle: zVg

Der lange Atem

In der Wärmeversorgung ist die Eniwa auf bestem Weg, bis 2040 das politisch formulierte Ziel, Netto-Null CO2 im Gebäudebereich, zu erreichen. Da sich die Energieversorgerin auf die Politik einliess, konnte sie im Gegenzug eine Forderung aufstellen. Sie erhielt die Konzession für das gesamte Stadtgebiet. Das gab dem Unternehmen Planungssicherheit.

«Wir haben das Gasnetz kannibalisiert, wie wir so schön sagen», erklärt Hans-Kaspar Scherrer. Will heissen: Wo die Eniwa vorhin noch Gas verkaufte, baute sie parallel ein Fernwärme- und teilweise auch ein Fernkältenetz. Ein erster Wärmeverbund entstand 2014 im Untergrund des Kasinoparks am Rande der Altstadt. 2015 folgte ein weiterer im Torfeld Süd. Der Ausbau läuft weiterhin und in den nächsten Jahren wird die Abwärme der Kehrichtverbrennungsanlage in Buchs schrittweise angeschlossen, um Quartiere wie die Tellisiedlung und Nachbargemeinden zu heizen.

Insgesamt wird die Eniwa über drei Jahrzehnte hinweg rund 120 Millionen Franken in die Wärmeverbünde investieren. Der Ausbau geschehe aber stets nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten, das heisst in Gebieten mit hohem Wärmebedarf, so Hans-Kaspar Scherrer. «Wir gehen davon aus, dass wir 15 bis 20 Jahre brauchen, bis wir mit der Fernwärme Geld verdienen.» Das Aarauer Beispiel zeigt, wie zeit- und kapitalintensiv die Transformation ist. Scherrer ist heute überzeugt, dass sie sich lohnt. «Mit der Fernwärmeversorgung nutzen wir lokale und CO2-neutrale Wärmepotenziale – und machen einen Schritt in die zukünftige Netto-Null-Welt.»

Feld eins

Olten steht erst am Anfang. «Wir können keine Wunder vollbringen», sagt Daniel Probst. Die Kommunikation der Städtischen Betriebe will er voranbringen. Es sei wichtig, transparent aufzuzeigen, wo die sbo mögliche Wärmenetze prioritär aufbauen möchten.

Der Wille ist da, aus dem Winterschlaf zu erwachen.


Wie soll die Politik handeln: Kontrolle oder freier Markt?

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