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Unten durch – gelingt der Durchbruch?

Der alte Posttunnel am Bahnhof Olten soll die zerschnittene Stadt zusammenführen. Daran glaubt das Stadtparlament. Welche Rolle spielt dabei der Kanton? Die Spurensuche zeigt: Geduld und Geld sind gefragt.
22. Februar 2022
Text: Yann Schlegel, Grafik: Roger Lehner, Fotografie: Timo Orubolo

Von rechts nach links oder von links nach rechts: So reden Oltnerinnen, wenn sie davon sprechen, die Stadtseite zu wechseln. Die Orientierung gibt die Aare vor, die nordwärts durchs Städtchen fliesst und es scheidet, seit sich die Siedlungen beidseitig ausgedehnt haben. Den Fluss wussten unsere Vorfahren schon im Mittelalter mit einer Brücke zu bändigen.

Darum haben die Kolt-Leser nicht unrecht, wenn sie feststellen: Nicht die Aare ist das Hindernis für Fussgänger und Velofahrerinnen, die von der einen auf die andere Seite wollen. So paradox es erscheinen mag: Vielmehr der technische Fortschritt, der die Mobilität revolutionierte, zerschnitt die Stadt. Die Bahnlinie und die Kantonsstrasse sind die Hürden der Gegenwart. Sie bremsen den Menschen, in der natürlich gegebenen Fortbewegungsform die urbanen Räume zu beschreiten.

Das ist nicht nur in Olten so. Viele Städte stellen sich heute der Frage: Wie lassen sich die gewachsenen Verkehrsinfrastrukturen fuss- und velofreundlich überwinden?

Die Verkehrspolitik entwickelt sich in eine klare Richtung. Fuss- und Veloverkehr sollen vermehrt von den grossen Strassen entflechtet werden. Christian Ginsig hat eine klare Vorstellung, was dies für die städtische Verkehrspolitik heisst. «Wir müssen Velowege bauen und nicht das Auto verbieten oder verteufeln.» Olten sei nun mal eine Durchgangsstadt. Der grünliberale Politiker sagt: «Jene, die langsamer unterwegs sind und kürzere Wege zurücklegen, sollten auf ihren kurzen Wegen priorisiert und belohnt werden.»

Olten, die Velostadt

Obwohl die Stadtquerung erschwert ist, nutzen Velofahrerinnen die Achse über den Postplatz rege. Dies zeigen Zahlen des Kantons Solothurn. An siebzehn Standorten erhebt er den Velo-Durchgangsverkehr mit automatischen Zählgeräten, die im Boden eingebaut sind. Das Potenzial für den Veloverkehr scheint in Olten besonders ausgeprägt: Wie die Daten verraten, ist die alte Holzbrücke kantonsweit die meistbefahrene Verbindung für Zweiräder. Durchschnittlich befuhren 2020 täglich über 1600 Velos das Oltner Wahrzeichen (beide Richtungen summiert).

Am östlichen Ende der Brücke ist’s aber um die Velofreundlichkeit geschehen: Die Postkreuzung steht seit Jahren in der Kritik – viele Velofahrer scheuen die Fahrt über die Hauptstrasse und benutzen trotz Fahrverbot die Winkelunterführung. Über die Frage, wie sich der Knoten auflösen lässt, rätselt die Politik schon lange. Die immergleichen Lösungsvorschläge kamen in den letzten zwei Jahrzehnten in Endlosschlaufe auf den Tisch. Eine Passerelle über die Bahnlinie. Mischverkehr im Winkel. Als praktikabel erwies sich keine Option.

Veloachse der Zukunft?

Geht es nach Christian Ginsig, führt die Oltner Hauptachse fürs Velo künftig weiter flussabwärts über die Aare. Die Idee der neuen Passerelle über den Fluss für Fuss- und Veloverkehr ist nicht sein Gedankenwurf. Stadt, Kanton und SBB haben den Steg in das Giga-Projekt des neuen Bahnhofsplatzes eingebunden. «Wenn dafür schon Millionen investiert werden, sollte die Stadt auch die Veloverbindung weiterdenken», sagt Ginsig. Der Stadtparlamentarier hat dies getan: Entstanden ist daraus sein kühner Vorschlag, den alten Posttunnel an die künftige Passerelle anzubinden.

Der aktuelle Stadtpräsident Thomas Marbet (vorne) und Stadtbaumeister Kurt Schneider (links) besichtigen den Posttunnel im September 2020. (Quelle: zVg)

Velotunnels sind in der Raumplanung zunehmend im Trend – vor allem dort, wo die Alternativen für eine überirdische Verbindung fehlen. In der Schweiz werden derzeit mehrere unter den Geleisen brachliegende Tunnels für den Veloverkehr umfunktioniert (mehr dazu liest du demnächst auf kolt.ch).

Nur sind die Behörden hierfür meist auf einen grossen Player angewiesen: die Bundesbahnen. «Die SBB will den Veloverkehr auch fördern und noch mehr Passagiere in den Bahnhof bringen. Da ist das Velo gerade in Städten eine riesige Chance», sagt Christian Ginsig. Der 49-Jährige kennt das Innenleben der Bundesbahn, ist er doch selbst bei der SBB angestellt. Im Parlament machte er seine Doppelrolle stets transparent. Für die Posttunnel-Idee stehe er als Politiker und Einwohner der Stadt ein.

Ein weiter Weg

Ginsig ist überzeugt, die Stadt könne sich mit der SBB finden, wenn sie geeint auftritt. Dafür brauche die Stadt eine klare Mobilitätsvision. «Wenn wir uns jetzt nicht mit dem Posttunnel beschäftigen, haben wir voraussichtlich über zwanzig Jahre hinaus keine sichere Stadtseitenverbindung», sagt Ginsig.

Tatsächlich stand die Veloverbindung für den Stadtrat bisher nicht zuoberst auf der Agenda. Im räumlichen Leitbild, das die Stadt derzeit erarbeitet, wäre eine durchgehende Radverbindung vom Aaresteg zur Martin-Disteli-Strasse erst im nächsten Bahnhofs-Ausbauschritt der SBB 2035 vorgesehen. Gemäss Ginsig könnte sich dieser aber aufgrund der pandemiebedingt erschwerten wirtschaftlichen Situation bei der SBB verzögern. «Es wäre also fatal, wenn die Stadt die Veloquerung nicht vorher lösen würde», sagt Ginsig.

Durchbruch? Parlamentarierinnen im Posttunnel unterhalb von Gleis 12. (Quelle: zVg)

Mit seinem Vorstoss hat der GLP-Politiker die Debatte lanciert. Nun liegt es an der Stadt, mit der SBB zu verhandeln und zu prüfen, ob sich der alte und stillgelegte Posttunnel auch umnutzen liesse. Auch wenn die angedachte Lösung trivial erscheinen mag, gibt es zahlreiche Problemstellungen:

Der Posttunnel müsste von den Geleisen bis zur künftigen Velostation verlängert werden, um ihn zur Aare hin zu öffnen. Wie viel dies kosten würde, werden die Abklärungen der Stadt zeigen. Erst muss sie aber überhaupt den Tunnel erwerben können. Die SBB signalisierte bisher gegenüber der Stadt, dass sie den Tunnel für die Bahnhoflogistik selbst benötigt. Zudem liesse sich der Tunnel nicht mehr in das Projekt für den neuen Bahnhofplatz einbinden, wie Baudirektorin Marion Rauber auf Anfrage schreibt.

Kurz: Geduld und Geld sind gefragt, will Olten die ungenügende Situation in Sachen Stadtseitenverbindung auflösen. Dass sich Christian Ginsig im Abstimmungskampf gegen das Budget 2022 exponierte, er aber für die Zukunft weitere Investitionen fordert, erscheint widersprüchlich. Er verteidigt sich: «Meine klare Haltung betraf explizit das Budget 2022.» Er fordert vom Stadtrat eine präzisere Investitionsplanung für die kommenden Jahre. «Wenn wir Preisschilder haben, versperre ich mich nicht der Steuerdiskussion», sagt er.

Hilft der Kanton?

Könnte die Stadt für ein Generationenprojekt, wie dieser Tunnel es wäre, nicht auf die Hilfe aus Solothurn zurückgreifen? Der Kanton ist verantwortlich für die unbefriedigende Situation auf den Kantonshauptachsen. Er müsste daran interessiert sein, den Verkehr zu entflechten.

Oltens Baudirektorin Marion Rauber sagt aber, die Stadt könne den Kanton zu nichts verpflichten: «Er ist definitiv nicht verantwortlich für kommunale Verkehrsverbindungen, unabhängig von der Mobilitätsform.»

Der neue Fuss- und Velosteg: Im Bahnhof würde er direkt in die Velostation führen – und von dort weiter durch den Posttunnel auf die andere Stadtseite? (Quelle: zVg / Stadt Olten)

Allerdings ist dies nicht ganz korrekt, wie unsere Nachforschungen zeigen. Mit dem neuen Strassengesetz kann der Kanton seit diesem Jahr auch Velowege abseits der Kantonsstrassen finanzieren. Verbindungen für Velos sind nicht mehr einfach nur Sache der Gemeinden.

Lieber spät als nie, ist man versucht zu sagen: Erst im April 2020 schuf der Kanton eine eigene Fachstelle für den Langsamverkehr. Seither hat sich was bewegt, wenn auch fürs Erste nur im Schatten der Öffentlichkeit, wie Sascha Attia erzählt. Er führt die Fachstelle momentan im Alleingang und ist im Amt für Verkehr und Tiefbau eingebunden, das ihn unterstützt.

Die Lücken schliessen

Der Kanton will Velorouten von kantonaler Bedeutung neu denken und schaffen. Ein Langzeitprojekt, das über zwanzig Jahre dauern wird. Im Herbst wird der Startschuss erfolgen, wenn der Kanton die entworfenen Pläne erstmals für die Mitwirkungsphase publik macht. Dabei werden Veloachsen wie etwa jene von Olten nach Aarau neu gedacht. «Wir machen einen Korridor auf und suchen die ideale Verbindung für die Linienführung», erklärt Attia den Vorgang.

Der Kanton will so die vorhandenen Netzlücken auf den Velorouten schliessen. Eine solche ist der Oltner Bahnhofquai, über den täglich rund 20’000 Autos und Lastwagen rollen. «Da fahren nur noch die mutigen und geübten Velofahrer durch», sagt Attia, «das ist das Grundproblem, das wir lösen müssen. Wir wollen jene Leute aufs Velo bringen, die noch nicht Velo fahren.»

Olten geniesst als Zentrumsstadt in den Kantonsplänen eine Schlüsselrolle. Entsprechend weiss Sascha Attia um die schwierige Ausgangslage der Eisenbahnstadt. Ob oben- oder untendurch – beides werde sofort sehr komplex und teuer, sagt er. «Eine Unterführung unter der wichtigsten Bahnlinie der Schweiz zu bauen, ist eine schwierige Aufgabe.»

Geld ja, Verantwortung nein

Ist also der Posttunnel die goldene Lösung, die auch als Bestandteil einer Veloroute mit kantonaler Bedeutung einfliessen könnte?

Attia kennt die politische Debatte in Olten. Ob sich der Tunnel als Veloverbindung eignen würde, darüber kann der Raumplaner keine absolute Aussage machen. Für Attia ist entscheidend, ob die Unterführung sich genügend sicher gestalten lässt. Es gelte zu vermeiden, dass ein Angstraum entsteht.

Dabei sind mehrere Faktoren massgebend. Mit 4,5 Metern Breite würde der Tunnel derzeit nicht der Norm entsprechen. Zudem müssten im rund 120 Meter langen Tunnel gute Lichtverhältnisse herrschen.

Olten kann trotz neuem Strassengesetz nicht darauf hoffen, dass der Kanton die Initiative übernimmt. «Unsere Haltung ist momentan: Wir haben nicht die Ressourcen, um Projekte in dieser Grössenordnung selbst zu realisieren», sagt Attia. Ein Kantonsbeitrag an ein städtisches Projekt wäre hingegen denkbar.

Die kantonalen Mittel sind beschränkt. Über die nächsten zwei Jahrzehnte hat die Solothurner Regierung jährlich im Durchschnitt ein bis zwei Millionen Franken für Velorouten vorgesehen. Für teure Verbindungen im städtischen Raum könnte der Kanton aber durchaus auch grössere Beiträge sprechen, stellt Attia klar. Die Stadt sei gleichwohl gefordert. Es liege an ihr, zusätzlich Gelder aus dem Agglomerationsprogramm des Bundes abzuholen.

Die (Zwei)räder könnten ins Rollen kommen.


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