«Ganz alleine im dreidimensionalen Raum»
Sie wurden im Jahr 1996 Schweizermeister, 1997, 1998, 1999 und 2000 ebenso: Fünfmal in Serie wurden sie Schweizermeister im Segelfliegen, die Gebrüder Thomas und Daniel Frey aus Olten. Dann hörten sie auf, Spitzensport zu betreiben und sich in Wettkämpfen zu messen, denn die Zeit wurde knapp – Familie, Beruf und die sonstigen üblichen Verpflichtungen – und Segelfliegen als Spitzensport zu betreiben, das kostet viel Zeit. Der Druck, Meisterschaften zu gewinnen ist weg, geblieben ist die Passion. Thomas und Daniel Frey gehen noch heute, 31 beziehungsweise 29 Jahre nach ihrem allerersten Segelflug, immer wieder in die Luft. „Es ist wie eine Sucht“ sagt Thomas Frey.
Ortstermin Gheid, Flugplatz Olten, beim Klubhaus der Segelfluggruppe Olten. Es ist Mittwochnachmittag, der Himmel blau und freundlich und die Bedingungen zum Segelflug sind ordentlich. Der Parkplatz ist gut gefüllt, viele ältere Herren haben sich getroffen, um abzuheben – über der Stadt Olten kreisen wieder die Segelflugzeuge. Start mit Hilfe der Seilwinde, bis auf eine Ausgangshöhe von 300 bis 400 Metern, dann wird ausgeklinkt: das Kunststoffseil fällt sanft – gebremst mittels kleinem Fallschirm am oberen Ende – wieder zu Boden. Der Pilot und sein Segelflugzeug dagegen werden sich selbst und den Launen der Lüfte überlassen. Nun muss der Pilot auch Meteorologe sein.
Das Gute am Segelfliegen ist, dass man keinen Motorschaden erleiden kann. Ausserdem: Kein Kerosin, das explodieren kann, keinen CO2-Ausstoss, der die Klimaerwärmung vorantreibt. Stattdessen: Ein Mensch und eine Hülle mit Flügeln, hier passt die viel bemühte Analogie vom Flugzeug und dem Vogel. Der Segelflieger kreist wie der Adler, um die Thermik zum Steigflug zu nutzen, er hält Ausschau nach den kreisenden Greifvögeln, denn dort wo sie sind, dort sind die Aufwinde. Wenn aber an schlechten Tagen weder Vögel noch Thermik anzutreffen sind, bedeutet das noch lange keinen Absturz. 1:50 lautet die magische Formel, die durchschnittliche Gleitzahl bei modernen Segelfliegern: Aus einer Höhe von einem Kilometer fliegt das Segelflugzeug ohne Aufwinde etwa 50 Kilometer bis der Boden in die Quere kommt. Mit Thermik oder ohne: Irgendwann dann landet es wieder, Flugpiste Gheid, die Bremsklappen sind ausgefahren und der Rasen ist ein wenig holprig.
Thomas Frey sitzt neben seinem Bruder Daniel beim Klubhaus und schaut einem Segelflugzeug nach, das gerade zur Landung ansetzt. „Vielleicht ist das auch zu krass ausgedrückt, wenn ich von Sucht spreche“, sagt er nun. „Nennen wir es Psychohygiene“.
Wie meinen Sie das genau?
Thomas: Ich brauche das Segelfliegen für meine innere Balance, als Erholung, zum Abschalten. Das schönste und Essentielle am Segelfliegen für mich ist, dass es keinen Zweck hat. Man macht Segelflüge, weil es schön nutzlos ist, nicht weil es etwas bringt. Das hat doch etwas Befreiendes.
«Das Schönste und Essentielle am Segelfliegen für mich ist, dass es keinen Zweck hat. Man macht Segelflüge, weil es schön nutzlos ist, nicht weil es etwas bringt. Das hat doch etwas Befreiendes.»
Thomas Frey
Daniel: Früher sind wir viel geflogen. Heute ist Zeit Mangelware, man hat selten ein paar Stunden für sich alleine, ist eingebunden in Job und Familie. Dazu ist man natürlich stark von den Wetterbedingungen abhängig. Wenn es dann wieder mal klappt mit einem Flug, bieten diese Stunden für mich sehr viel Erholung, weil man für sich alleine ist, ganz alleine im dreidimensionalen Raum.
Thomas: Es geht auch ums Naturerlebnis, beim Fliegen verschmelze ich mit der Natur, das Gefühl ist unbeschreiblich. Mein Antrieb zum Segelfliegen war schon immer mehr die Natur und weniger die Technik. Man geniesst von da oben halt einfach die beste Aussicht.
Bei aller Erholung, die das Fliegen Euch bietet: Ist es nicht auch anstrengend? Es wird ja immerhin als „Sport“ bezeichnet.
Thomas: Schach wird ja auch als Sport bezeichnet. Man braucht jedenfalls nicht die Athletik eines durchtrainierten 25-Jährigen zu haben, um bei Schweizermeisterschaften mitzuhalten. Theoretisch könnten wir beide wieder national Erfolg haben, obwohl wir ja auch nicht mehr die Jüngsten sind.

Daniel: Grundsätzlich verlangt ein Segelflug eher kognitive als körperliche Fähigkeiten. Wenn man aber morgens um 11 Uhr abhebt, Hunderte Kilometer bis in die französische Haute Provence fliegt und retour und am Abend um 19 Uhr wieder im Gheid landet, dann ist man definitiv auch körperlich erschöpft.
Kriegt man es nicht mit Platzangst zu tun, während 7 Stunden nonstop eingepfercht in diesen engen Cockpits?
Daniel: Nein, man hat ja einen Rundumblick, kann auch nach oben schauen, das wirkt dem Eingeengtsein entgegen. Ausserdem vergisst man mit der Zeit, dass man in einem Flugzeug sitzt. Ich werde dann eins mit dem Fluggerät, die Flügel werden zu Verlängerungen meines Körpers und der ewige Traum des Menschen, zu fliegen, wird wahr. So fühlt sich das zumindest an, oben in der Luft.
«Ich werde dann eins mit dem Fluggerät, die Flügel werden zu Verlängerungen meines Körpers und der ewige Traum des Menschen, zu fliegen, wird wahr. So fühlt sich das zumindest an, oben in der Luft.»
Daniel Frey
Thomas: Segelfliegen wird so zum Multiplikator des körperlich Möglichen, das ist der spezielle Reiz daran. Das will und muss man immer wieder erleben. Vielleicht ist es doch eine Sucht (lacht).
Seit dem 28. Mai und noch bis am 5. Juni finden die diesjährigen Schweizermeisterschaften im Segelfliegen statt. Swiss Gliding Nationals heisst der Anlass, und wer auf dessen Homepage die Teilnehmerliste durchstöbert, der findet Piloten aus Dittingen, Bex, Bern, Winterthur und vielen anderen Orten, nicht vertreten aber ist die Segelfluggruppe Olten. Die fetten Jahre sind vorbei, seit dem Rücktritt der Gebrüder Frey bleiben Erfolge der Segelfluggruppe an nationalen Wettkämpfen aus. Da erstaunt es, wenn Daniel Frey heute von einer gesunden Nachwuchsstruktur spricht, von einer insgesamt erfolgreichen Segelfluggruppe Olten. „Erfolgreich heisst in diesem Fall, dass die Jungen gerne hierher kommen, um zu fliegen.“ Die Gruppe schaffe es, die nötigen Strukturen zu schaffen, die es dazu benötige. Es könne im Moment nicht die Ambition des Vereins sein, Schweizermeisterschaften zu gewinnen; der Aufwand, Segelfliegen als Spitzensport zu betreiben, sei enorm, für den Einzelnen, aber auch für eine ganze Crew, die involviert sein müsse. „Im Vordergrund“, so Daniel Frey, „steht die gemeinsame Passion fürs Fliegen, wesentlich ist der Genuss.“ Bruder Thomas pflichtet bei. Was die Oltner Segelfluggruppe zu einem erfolgreichen Verein mache, sei einerseits die soziale Komponente eines funktionierenden Vereinslebens und andererseits der Ausbildungsfaktor. „Gute Leute kommen von hier“, sagt Thomas, „und diese Leute kommen immer wieder gerne zurück.“ So sei der Flugplatz Gheid Ausgangsort von etlichen erfolgreichen Berufskarrieren in der Aviatik. Heute ist der Verein im Besitz von acht Segelflugzeugen, ein jedes ungefähr 250 Kilo schwer und ungefähr 125000 Franken teuer. Knapp 70 Mitglieder zählt die Gruppe – etwa 50 davon sind aktiv, der Älteste, der noch in die Luft steigt, ist 80 Jahre alt. Die ganze Szene sei ein wenig am überaltern, so Thomas Frey: „Man sieht das ja ganz gut an uns beiden“, sagt der 46-Jährige und lacht. Dabei lässt man die Jungen schon sehr jung ran: ab 15 darf gesegelt werden.
Autofahren ab 18, Segelfliegen ab 15: Ist Segelfliegen so einfach und ungefährlich?
Thomas: In 98,5 Prozent aller Unfälle ist der Pilot selber schuld, wenn etwas schief geht. Und vor allem: Wenn etwas schief geht, dann gefährdet er im Normalfall niemanden ausser sich selbst. Da sind die Bedingungen auf der Strasse natürlich ganz anders. Ausserdem werden die Jungen in Theorie und Praxis von der Gruppe sehr nah begleitet und kontrolliert.
Haben Sie selbst schon brenzlige Situationen erlebt?
Thomas: Nicht wirklich. Ein guter Pilot ist der, der Situationen vermeidet, in denen sein ganzes Können verlangt würde.
Daniel: Früher war die Kollisionsgefahr das grösste Risiko, dem man ausgesetzt war. Heute hat der Pilot dank verbesserter Elektronik ein Warnsystem an Bord, das die Gefahr eines Zusammenstosses minimiert. Auch ich hab in meinen bisher über 2’500 Stunden in der Luft noch nichts Gravierendes erlebt. Aussenlandungen können aber immer vorkommen, wenn es an Aufwinden mangelt und man es nicht zum Heimatflugplatz zurückschafft.
Und wie kehren Sie in einem solchen Fall nach Olten zurück?
Daniel: Da braucht’s ein Telefon und eine gute Seele, die dich mit dem Auto inklusive entsprechendem Anhänger abholen kommt.
Zurück zum Gheid: Gibt es so etwas wie eine „Oltner Luft“ – spezifische Bedingungen, die unter Segelflugpiloten als Charakteristikum gelten?
Thomas: Speziell ist sicher die Situation mit dem Born, der zuverlässig für Aufwinde sorgt. Generell ist die topographische Lage nicht schlecht, auch dank dem Jurasüdfuss. Der Flugplatz Gheid hat daher einen relativ hohen Stellenwert in der Szene. Nicht viele Städte von dieser Grösse haben so etwas zu bieten.
«Der Flugplatz Gheid hat daher einen relativ hohen Stellenwert in der Szene. Nicht viele Städte von dieser Grösse haben so etwas zu bieten.»
Thomas Frey
Viele Menschen träumen davon, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Wieso arbeiten Sie beide als Architekten?
Daniel: Die Architektur ist ebenfalls ein Gebiet, das mich fasziniert. Ausserdem ist es eine Familienangelegenheit, unser Vater hat das Architekturbüro zuvor geleitet.
Thomas: Ich habe zwar als Militärpilot Superpumas geflogen und als Chef-Fluglehrer Segelflugpiloten in Olten ausgebildet, ich habe aber nie davon geträumt, die Fliegerei zu meinem Beruf zu machen, weil ich nicht wollte, dass die Leidenschaft erlöscht. Denn eben: Das Schöne am Segelfliegen ist, dass es schön nutzlos ist (schmunzelt).