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«Kuno, wieso machen wir das?»

Drei befreundete Piloten aus dem Gäu bauen ein Jagdflugzeug aus dem ersten Weltkrieg nach. Seit elf Jahren, mit steter Inspektion des Bundesamts für Zivilluftfahrt. Jedes Detail muss dem Original entsprechen, und eines Tages wollen sie in die Luft damit.
1. Juni 2011
Text: Pierre Hagmann, Bild: Yves Stuber
Dieser Kolt-Beitrag stammt von Juni 2011. Gut neun Jahre später, am 21. Oktober 2020 um 15.46 Uhr stieg die “Maiden” zum ersten Mal in die Luft.

Draussen im Weiher quaken die Frösche und drinnen in der Garage trällert Büne Huber „I ha’s scho denn gwüsst / irgendeinisch gahn I o / Bälpmoos, schick mi furt vo hier“.  

Irgendwann wird es soweit sein. Alles wird fertiggezimmert und geschweisst und gedacht und zusammengebaut sein und dann wird Isidor von Arx auf irgendeiner Flugpiste in seiner Nieuport 23C-1 sitzen, Gas geben, bis die Rotoren rotieren und das Flugzeug abhebt, hoffentlich. Seit mittlerweile 11 Jahren bauen von Arx, Kurt Schaub und Geri Mäder, drei Piloten aus dem Gäu, an ihrer Maschine, die 1917 entworfen worden war. Und es wird noch eine ganze Weile dauern, bis alles bereit ist für den Jungfernflug. Aber das macht nichts. Es gibt keinen Zeitdruck, es gibt gar keinen Druck. Der Weg ist das Ziel; so abgedroschen die Floskel klingen mag, wenn sie irgendwo passt, dann hier. Hier ist in diesem Fall eine graue Garage in Neuendorf.

Dieser Beitrag stammt aus der Kolt-Ausgabe Juni 2011

Die Gruppe hat von einem Freunden eine CD nur mit Fliegersongs geschenkt gekriegt, eine von 1000 kleinen Gaben, und die hören Kurt Schaub und Isidor von Arx an diesem Mittwochabend während ihrer Arbeit an der Nieuport in der Garage von Schaub. Während Patent Ochsner vom Traum des Fliegens singt, wird in der Garage daran gearbeitet, ihn zu erfüllen. Wer fliegen will, braucht Flügel und daran schleifen sie heute. Pro Flügel etwa 2 Monate, rechnet die Gruppe.

Geri Mäder ist diesmal nicht dabei, dafür ist Christian Staudacher da, sein Spezialgebiet sind die Motoren. „100 Leute“ schätzt Schaub, „haben bisher in irgendeiner Art mitgeholfen“. Die Arbeitsteilung ist auch innerhalb des Kernteams der entscheidende Faktor. Schaub ist im richtigen Leben Geigenbauer und daher der Holzexperte im Team. Geri Mäder ist Maschinentechniker und von Arx, der als Verkäufer von Dienstleistungen bei der Post arbeitet, hat eine mechanische Grundausbildung.

Kuno Schaub (links) und Christian Schaudacher (rechts)

5000 Arbeitsstunden

Die Nieuport 23 C-1 war ein Jagdflugzeug im Ersten Weltkrieg. Die Schweizer Armee besass fünf Exemplare davon. Es war auch das Lieblingsflugzeug des legendären Langenbruckers Flugpioniers Oskar Bider, den bei einem Absturz der frühe Fliegertod heimsuchte. Während des Ersten Weltkriegs wurde die Nieuport innert vier Jahren 18’000 Mal gebaut. „Damals musste es so schnell wie möglich gehen“, sagt Isidor von Arx, „heute soll es möglichst schön werden“. Ihre Nieuport werde deshalb eine veredelte Version sein. Ungefähr 5’000 Arbeitsstunden hat das Kernteam um Schaub und Von Arx bereits ins Projekt investiert. Wieso eigentlich? Von Arx, amtierender und mehrfacher Schweizermeister im Kunstflug in der zweithöchsten Kategorie, überlegt kurz und sagt schliesslich schmunzelnd: „Das hab ich vergessen. Kuno, wieso machen wir das?“ 

Früher hatte sich eine Gruppe passionierter Flieger jeden Freitag im Kreuz zu Egerkingen am Stammtisch getroffen, geredet und Bier getrunken. Eines Tages kamen Schaub und von Arx zum Schluss, dass sie diese Zeit auch anders nutzen könnten. Sie rechneten hoch, wie viele Stunden sie in der Beiz in acht Jahren verbringen würden und kamen zum Schluss, dass man in dieser Zeitspanne stattdessen auch ein Flugzeug bauen könnte. Also beschlossen die Freunde, ein Flugzeug zu bauen. „Wir haben uns nicht viel überlegt am Anfang, sonst hätten wir bestimmt nicht damit angefangen“, sagt Isidor von Arx. Denn es gab sie, die Krisen, die Probleme, die der Gruppe, die möglichst alles selber herstellen will, unfassbar viel Geduld abverlangten. An einem kleinen Aluprofil fürs Fahrwerk etwa haben sie gesamthaft 5 Jahre getüftelt. Jetzt aber, so nennt es Schaub, der die Nieuport mangels Training selber nicht fliegen wird, „sind wir über den Berg, die grössten Hürden sind genommen.“ Alle Materialien sind beisammen, darunter Baumwolltücher, ein vorgefertigter Öl-Tank, die Motoren – die Motoren, die eine Geschichte für sich sind. Sie sind praktisch das Einzige, was sie nicht nachbauen, das hätte den Rahmen gesprengt. So ging die Suche los nach den Originalmotoren, gebaut in den 10er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Fündig wurden sie schliesslich in Rom, Boston, Fribourg und Langenthal, billig war das natürlich nicht. Ein Motor hätte nicht gereicht, denn die drei Freunde bauen gleich drei Flugzeuge. „Damit jeder eins hat“, wie von Arx meint. Schliesslich hat es in jedem Flugzeug nur einen Sitz, ein Holzstuhl, „wie ein Gartenstuhl mit Löchern“, jedes Detail dem Original nachempfunden –  so auch das eigens modifizierte Maschinengewehr MG11, das am Schluss montiert werden wird.

Jedes Detail, jede Schraube wird dokumentiert, jede Arbeitsstunde der Gruppe festgehalten. Und kontrolliert wird das Ganze vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl). Denn: Isidor von Arx will seine Nieuport, wenn sie dann soweit ist, fliegen. Und dazu braucht es eine Bewilligung des Bazl, wie bei jedem anderen Flugzeug auch. So kommt etwa all zwei Jahre einer vom Bundesamt vorbei und wirft ein paar prüfende Blicke auf ihr Projekt, kontrolliert Schweissarbeiten und Schraubengrössen. 10’000 Einzelteile werden am Schluss in der Nieuport C23-1 stecken, und einiges an Geld. Budgetiert sind pro Flugzeug Kosten von knapp 90’000 Franken. Sponsoren und Gönner helfen mit, das Projekt zu realisieren. 

Jungfernflug in Payerne ?

Die nächsten Termine, auf die die Flugzeugbauer schielen, sind 2013 und 2015. Dann finden Flugfeste statt, vielleicht reicht es bis dann, vielleicht auch nicht. Als möglichen Ort für den Jungfernflug sei der Flugplatz Payerne im Waadtland im Gespräch, sagt Schaub, doch da sei noch alles offen. Irgendwann, irgendwo wird es aber soweit sein und Isidor von Arx wird mit seinem Oldtimer-Baby abheben, wie dazumal Oskar Bider im Ersten Weltkrieg, und mit 172 Kilometern pro Stunde die maximal 575 Kilo, die er selber zusammengebaut hat, durch die Luft navigieren. 

Und dann? Zurück nach Egerkingen an den Stammtisch im Kreuz?

Natürlich nicht. Von Arx träumt schon vom nächsten Bauprojekt: Das Ding heisst SIG Demoiselle, ein Zivilflugzeug aus dem Jahr 1909, hergestellt aus Bambusholz. Denn eben, ja genau: Das Ziel ist der Weg.

Mehr Informationen zum Projekt findest du hier


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