Skip to main content

Der Antirockstar

Christian Schenker gelingt das, wovon viele Musiker träumen: Er verdient seinen Lebensunterhalt mit Musik. Und das, obwohl sein Publikum gerade mal knapp über den Bühnenrand sieht.
10. November 2014
Text: Désirée Klarer, Fotografie: Yves Stuber
Seine erste Sammlung von Kinderliedern verkaufte er 1997 auf einer Musikkassette im Eigenvertrieb: Christian Schenker im Garten seines Hauses in Kappel.

«Bastle eine Christian Schenker Figur!» Diese simple Aufforderung findet man, wenn man sich auf seiner Webpage durchklickt. Christian Schenker, den Superstar der Kinderherzen, gibt es also auch aus Karton im Miniformat. Die Haare rot, die Zunge rausgestreckt.

Die Reaktionen, die er unter seinen Fans auslöst, sind ganz unterschiedlicher Natur. In den gesammelten Fankommentaren auf seiner Webpage eröffnete das Mädchen Alisha ihrer Mutter mit ernster Miene, sie müsse ganz dringend zum Coiffeur um sich die Haare rot färben zu lassen. Ein anderes Kind änderte wegen Christian Schenker glatt das Lieblingsgericht und der vierjährige Julian verkündete in überzeugtem Tonfall, er werde einmal «Feuerwehrmann, Töff-Fahrer und Christian Schenker». Dieser freut sich sehr über die Reaktionen seiner Fangemeinde: «Kinder sind ein sehr ehrliches Publikum. Sie sind Fans meiner Musik und nicht meines Erfolges.»

Dieser Beitrag stammt aus der Kolt-Ausgabe vom November 2014.

In den Kantonen Aargau, Solothurn, Zürich und Basel-Land kennt man ihn bereits bestens. In anderen Kantonen wie aktuell gerade in St.Gallen und Thurgau wachse sein Bekanntheitsgrad noch. In dem Dorf, in dem er jeweils spiele, werde er quasi über Nacht berühmt – während man zehn Kilometer weiter noch nie etwas von ihm gehört habe. Auf seiner diesjährigen Tournee reist er quer durch die Deutschschweiz und tingelt zwischen Open-Airs, Schulen und Dorffesten hin und her. Auch in Theatern ist er schon aufgetreten.

Dieses Jahr gab er das erste Konzert im «Kulturforum» in Laufen, das letzte, ein Weihnachtskonzert, wird im Kulturzentrum Schützi in Olten stattfinden. Dieses Konzert gab er erstmals vor zwölf Jahren. Doch wer eine Eintrittskarte haben wollte, musste sich sputen: Das Konzert war gleich zweimal ausverkauft. Mittlerweile steht Schenker fast jedes Wochenende auf der Bühne. Ein erwachsener Fan sagte ihm einst nach einer Vorstellung: «Wenn die Lieder auf Englisch wären, hätte ich die CD für mich selbst gekauft.» Das, so sagt Christian Schenker, sei ein sehr schönes Kompliment. Er wolle, dass man die CD durchhören könne, ohne dass man nach zwei Liedern bereits genug davon habe, weil alles gleich klinge.

Mama, warum singt der nicht?

Um diesem Anspruch nach Abwechslung gerecht zu werden, nahm er 2002 das Album «Dr Kickboard-Kuno chunnt!» auf. Zum ersten Mal wurde er dabei von der Band «Grüüveli-Tüüfeli» , bestehend aus Rolf Mosele (Gitarre), Markus Fischer (Kontrabass), Beat Escher (Geige) und Andreas Schnyder (Schlagzeug) begleitet: «Ihnen kann ich sagen, ich hätte zu dem Lied gerne Rockmusik. Oder wie würde der Song als Reggae klingen, oder als Country? Kurz darauf kann ich auswählen, welcher Stil dem Stück am besten dient.»

Obschon die Band ihn perfekt ergänzt, bestreitet er etwas mehr als die Hälfte seiner jährlich rund 80 Konzerte im Alleingang. Ein Blick-Redaktor bezeichnet Christian Schenker auf dessen Webpage gar als «modernen Mani Matter». Auf dieses Zitat angesprochen, erwidert Schenker bloss: «Mani Matter ist Gott!» Mit wenigen Worten habe dieser ernste Sachen auf den Punkt gebracht, ohne dabei den Unterhaltungswert zu verlieren. In derselben Liga wie Mani Matter sieht er sich aber nicht. Ob Christian je wieder Musik für Erwachsene machen wird, steht derzeit in den Sternen. Er sei derzeit vom Erfolg, den er mit der Kindermusik habe verwöhnt und merke auch den grossen Unterschied zwischen «kleinen und grossen» Fans. Bei Erwachsenen müsse man sich anfangs so richtig ins Zeug legen, damit sie zuhören oder gar aktiv werden. Meist stünden sie am Anfang des Konzertes irgendwo im hinteren Teil des Raumes, manchmal sogar noch an der Bar. Kinder hingegen versammelten sich direkt vor der Bühne und warteten ungeduldig darauf, dass man auftrete: «Kinder sind vom ersten Ton an voll dabei.»

Dass seine Musik sowohl Kinder als auch deren Eltern anspricht, sieht man an den Verkaufszahlen. 2006 verkaufte sich der Sampler «Stars for Kids» rund 20’000 Mal. Auf jener CD ist auch «Kickboard-Kuno» enthalten, welcher ihm zu seiner ersten goldenen Schallplatte verhalf. 2013 erschien sein achtes Studio-Album «Unschuldslämmli». Im Juni dieses Jahres durfte er zudem den Kinderchor zusammenstellen, der gemeinsam mit Robbie Williams auf der Bühne stand. Dass er nebst seinem Leben als Musiker noch ein privates hat, ist für einige seiner Fans schwer zu glauben. So fragte ein kleiner Bub, als sie im Warteraum der Postfiliale auf Christian Schenker trafen seine Mutter, warum dieser denn nicht singe.

Die Zeit bei «Up with People» war die wichtigste Schule seines Lebens

Dass es einmal soweit kommen würde, hätte sich Christian Schenker als junger Musiker nicht träumen lassen. Bisher hatte er vier verschiedene Berufe: Kindergärtner, Musiklehrer, Ukulele-Lehrer und Musiker. Schon in der Kantonsschule spielte er in Bands und komponierte Lieder: «Von den fünfzehn Fächern, die unterrichtet wurden, gefiel mir eines: Deutsch.» In der Zeit, in der er mit Lernen hätte beschäftigt sein sollen, dachte er über neue Strophen für seine Lieder nach. Auch wenn bald klar wurde, dass er an der Kantonsschule Olten am falschen Ort war, hatte diese den Weg für seine spätere Berufswahl geebnet. Hier erfuhr er durch Mitschülerinnen von der Ausbildung zum Kindergärtner und davon, dass die musischen Fächer dort einen hohen Stellenwert einnehmen.

Dass er einen guten Draht zu den «kleinen, fertigen Menschen» hat, stand spätestens nach dem Praxistest im Rahmen des Kindergartenseminars fest: «Ich lief aus dem Raum, aus meinen Kopfhörern tönte ‹Livin’ On A Prayer› von Bon Jovi und ich wusste: Ich habe bestanden!» Nach der Ausbildung zum Kindergärtner zog es ihn in die Welt hinaus. Da alleine zu reisen für ihn nicht zur Debatte stand, kam ihm die um die Welt reisende Gruppe «Up with People» wie gerufen. Bei «Up with People» reisen 130 junge Erwachsene rund um den Globus und führen Musicals auf. Die Vorstellungen sind dabei nur ein kleiner Teil des Abenteuers. Und sie waren auch das, was Christian Schenker zu Beginn am wenigsten interessierte. Rückblickend bezeichnet er die Zeit mit der MusicalTruppe als die wichtigste Schule seines Lebens. Während der Tournee mit dieser Gruppe sei ihm bewusst geworden, wie gerne er auf der Bühne stehe.

Kindermusik ist, wenn man in keine Schublade passt

Nach der Reise rund um die Welt arbeitete er die folgenden acht Jahre Vollzeit als Kindergärtner. Um den Schulstoff spannender zu verpacken, begann er, Lieder zu schreiben, die er in den Unterricht einbinden konnte. Da er sich vermehrt dem Komponieren von neuen Liedern widmen wollte und vermehrt für Konzerte gebucht wurde, hängte er seinen Job als Kindergärtner 2003 an den Nagel: «Als Kindergärtner ist es schwierig, jährlich das Pensum zu ändern. Das war als Musiklehrer einfacher.»

Zu der Zeit war er bereits fünf Jahre mit seiner Frau zusammen. Geheiratet wurde nach dem «verflixten siebten Jahr». 2008 wurde die Familie mit Tochter Malou um ein Mitglied reicher. Zwei Jahre später kam die zweite Tochter Yaël zur Welt. Heute verdient er hundert Prozent seines Einkommens mit seiner Musik und übernimmt zusätzlich die Hälfte der Kinderbetreuung, da seine Frau fünfzig Prozent als Lehrerin arbeitet. Manchmal sei dies schon eine logistische Herausforderung, doch sie erhielten Unterstützung von den Grosseltern der Kinder. Ausserdem könne er während der Betreuung der Kinder auch arbeiten, obschon dies nicht immer gelinge: «Wenn ich während der Autofahrt eine neue CD durchhören möchte, um zu sehen, welche Reihenfolge am besten passt, kommt es schon vor, dass meine Töchter dasselbe Lied wieder und wieder hören wollen.»

Lieder komponiert er nicht nur für sich und seine Fans, sondern auch in Auftrag. Ein solches ist auf dem Biberweg vom WWF zu hören. Ein anderes, «Fisch ufem Tisch», wurde erst kürzlich beim Stationenweg am Bielersee zum Thema Fisch weiterverwendet. Und zwar bilingue. Die französische Sprache hatte es auch auf die CD «SÄX!» geschafft. Eine CD, die er für Erwachsene produziert hatte. Dass man seine Musik nicht eindeutig einer Sparte zuordnen konnte, war den Radiostationen und Musikläden jedoch ein Dorn im Auge: «Sie sagten mir, sie müssten mich in eine Schublade stecken können, um zu wissen, welches Zielpublikum sie mit meiner Musik berieseln sollen.» Mit der Bezeichnung «Kindermusik» hätten diese nun ihre Schublade. Und das Schöne daran sei, dass innerhalb dieser Schublade so ziemlich alles erlaubt sei.


Schreiben Sie einen Kommentar