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Nie windstill

Der Wind bläst in diesem Frühling aus allen Himmelsrichtungen. Irgendwie symptomatisch für die Oltner Wetterlage. Im neusten Lokalrauschen geht’s um: die politische Föhnlage, den Orkan im Säliquartier, Madrids Olten-jetzt!-Mistral, und: zwei Oltner Weltmeister-Tornados.
10. Mai 2021
Text: Yann Schlegel, Fotografie: Timo Orubolo

An einem Mittwochabend kurz vor den Wahlen wars ein kräftiger Westwind, der die Unterführungsstrasse hochblies. Trotzdem waren die bunten Stühle auf dem Trottoir vor dem Galicia fast alle besetzt. Bei einem Glas Bier dies und jenes zu besprechen, hatten viele vermisst.

Im leichten Rausch liessen sich die giftigen April-Böen ein bisschen besser ertragen. Noch besser gings jenen, die – wie wir – einen windgeschützten Platz ergattert hatten. Zwei Unbekannte gesellten sich an unseren Tisch. Bald waren wir bei der Lokalpolitik angelangt. Sie würden beide nicht wählen gehen, erklärten sie. «Ich lebe erst seit gut zwei Jahren in Olten, ich kenne die Menschen nicht», sagte sie. Er pflichtete ihr bei. Wir beliessen es für den Moment dabei und versuchten nicht, sie zu überzeugen, ihr demokratisches Recht wahrzunehmen. Und prosteten einander zu.

Wählen tut, wer die Menschen kennt

Als am Sonntag darauf die Wahlresultate vorlagen, erinnerte ich mich an die beiden Nichtwählerinnen an unserem Tisch. Denn da war wieder diese Zahl, an die wir uns längst gewöhnt haben. Die aber aufzeigt, dass ich mich in einem nicht repräsentativen Umfeld bewege. Und die eben auch viele Fragen aufwirft: Nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung nimmt auf kommunaler Ebene ihr Wahlrecht wahr. Dabei lag die Stimmbeteiligung dieses Jahr mit 43 Prozent so hoch wie lange nicht mehr. Trotzdem müssten wir uns als Stadt die Frage stellen: Wie können wir die Menschen abholen, die sich nicht beteiligen? Ja, wir sind nicht die ersten, die diese Frage aufwerfen. Aber auf kommunaler Ebene liessen sich Lösungen ausarbeiten.

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Ist der Stadtrat bestimmt, geht’s in Olten noch ums Stadtpräsidium. Aus fünf mach eins, heisst es dann. Aus dem Kreis der gewählten Stadträtinnen muss der Stapi kommen. So will es die Gemeindeordnung. Ein lukratives Vollamt (bei ca. 240’000 Franken Jahreslohn) – für das die Person, die gewählt wird, ihren bisherigen Job aufgeben muss. Und für die Stadt ist es eine entscheidende Position: Denn der Stapi – bisher war es in einer über 200-jährigen Geschichte tatsächlich immer ein Mann – repräsentiert die Stadt und hält im Stadthaus viele Fäden zusammen.

Aber wenn der Frühling endlich da ist und wir schon zwei Wahlen hinter uns haben, dann interessiert sich die Öffentlichkeit kaum noch für die dritte Wahl. Die Luft ist draussen. So sehr, dass die Bürgerlichen das Stadtpräsidium den Sozialdemokraten stillschweigend überlassen. (Wobei der einzig verbliebene bürgerliche Stadtrat Benvenuto Savoldelli schon früh signalisiert hatte, nicht fürs Stadtpräsidium kandidieren zu wollen.)

Null Dramatik

Kurz hat das OT das Kandidaten-Karussell drehen lassen. Aber die Geschichte war rasch erzählt: Die Lokalzeitung skizzierte einen möglichen Zweikampf zwischen den beiden SP-Stadträten. Einige Bürgerliche schrien in den sozialen Medien auf: Trotz historischer Wahlniederlage erhebt die SP den vollen Machtanspruch! Damit war der dramaturgische Höhepunkt erreicht.

Denn die Ironie der Geschichte ist: Abgesehen von den SP-Exponenten wollte sich dieses Jahr niemand für das Amt bewerben. Und die Sozialdemokraten hatten nach der konsequenten Frauenförderung bei den Parlamentswahlen genug vom parteiinternen Zündstoff. Also nominierten sie brav Thomas Marbet fürs Stadtpräsidium. Denn so hatten Marion Rauber und Thomas Marbet es schon lange vor den Stadtratswahlen ausgemacht. Der ausbleibende Wahlkampfkrimi trägt das Seine dazu bei, dass das Interesse an der Stapi-Wahl lau ist. Immerhin: Fürs Vizepräsidium hat die Wählerin die Wahl zwischen Grün oder Rot. Raphael Schär-Sommer wird gegen Marion Rauber antreten.

Der Vorteil der harmonischen Rollenverteilung im Stadtratsgremium ist: Die fünf Köpfe, die Olten strategisch lenken werden, haben die Aufgaben bereits unter sich ausgemacht. Die Direktionen sind verteilt, womit sich die Stadträte bereits einlesen und Dossiers vorbereiten können.

Der Orkan im Säliquartier

Zwei Barrieren haben die kleine Oltner Welt auf den Kopf gestellt. Dies musste zumindest glauben, wer sich auf den sozialen Medien – konkret in der Oltner Facebookgruppe – aufhält. Wenn es eine Rangliste der meistkommentierten Beiträge gäbe, die Säli-Barrieren hätten in jenen Apriltagen im schweizweiten Vergleich wohl hoch oben rangiert. Vor den Barrieren am Quartiereingang staute sich der Verkehr und bei vielen Automobilisten wohl auch der innerliche Groll. Und dieser entlud sich im Netz und an den Barrieren, die kurzzeitig beide zerstört wurden. Es schien, als wäre ein Jahrhundert-Orkan über die Stadt gezogen.

Draussen das Verkehrschaos, drinnen wars plötzlich windstill. Nur gingen jene Stimmen, welche die neue Ruhe lobten, im Ärger-Konzert fast unter. Der Säli-Knatsch manifestierte eindrücklich, was sonst bei Abstimmungen zur Mobilitätsthematik zum Ausdruck kommt: Das Automobil ist für viele das höchste Symbol an Freiheit – und wehe, wenn sie dem Menschen genommen wird. Aber es zeigt auch, dass wir ein Gewohnheitstier sind. Nur weil viele immer durchs Säliquartier fuhren, heisst das noch lange nicht, dass sie dies auch durften (Zubringerdienst).

Oltens Mediator, wenn man Christian Ginsig so nennen darf, schrieb einen viel beachteten Beitrag, der die Oltner Verkehrsproblematik ganzheitlich aufrollt. Ja, die Entlastung der Region Olten (ERO) ist wahrlich nicht vollendet. Ein Tunnel nach Dulliken, wie einst entworfen, als Lösung? Der Lösungsvorschlag hat eine interessante Debatte ausgelöst, die du hier nachlesen kannst.

Der Orkan über dem Säli scheint sich aufgelöst zu haben. Vereinzelte Sturmböen ziehen noch durchs Netz. Der Stadtrat hatte in einem Aufruf um Geduld gebeten. Die Verkehrssituation auf den Hauptstrassen, welche zum Schleichverkehr im Säli führten, bleibt aber angespannt. Denn mit dem Verkehr ist es wohl so, wie Winznaus Gemeindepräsident Daniel Gubler sagte: «Wenn wir an einem Ort schrübelen, verschlechtert sich die Situation an einem anderen.»

Die Balkone spriessen

In Olten Südwest regt sich derweil etwas: Es sind nicht die Stangen, die das Profil des neuen Gestaltungsplans anzeigen, nein. An der Überbauung, die wie ein gestrandetes Ufo in der Landschaft steht, sind Gerüste angebracht. Mit Balkonen, die nachträglich gebaut werden, will der Bauherr den Leerwohnungsbestand offenbar senken. Versuchsweise werden gemäss Baubewilligung zunächst 16 Wohnungen mit Balkonen ausgestattet.

Bild: Christian Grund / Archiv

Das Olten-jetzt!-Phänomen in Madrid

Spaniens Hauptstadt hat eine wüste Wahlkampf-Schlacht hinter sich. Sie war von der politischen Polarisierung geprägt, die inhaltliche Debatte fand kaum Platz. Die NZZ schrieb von einer «Trumpisierung» der spanischen Politik. «Freiheit oder Kommunismus» war das provokative Wahlmotto des konservativen «Partido Popular». Mit ihrem konfrontativen Stil überrollte Isabel Díaz Ayuso die linken Parteien. Letztere fanden keine Antwort, welche die Massen gleichermassen bewegt hätte. Die Rhetorik der amtierenden Regionalpräsidentin war unschlagbar, weil sie eng an die Identität Spaniens gekoppelt war: die Beizenkultur mit Tapas und Cañas. Denn Freiheit stiftete Ayuso vor allem durch ihre Coronapolitik: Seit dem ersten Lockdown, der Madrid enorm hart getroffen hatte, blieben die Kneipen stets offen. In der Haupstadt ist die Gastronomie mit den rund 30’000 Bars und Restaurants ein grosser Wirtschaftszweig. Erlauben konnte sich die Regionalpräsidentin die Öffnungs-Politik auch wegen des guten Gesundheitssystems in Madrid.

Was das alles mit Olten zu tun hat? Nicht allzu viel. Aber im Schatten des Partido Popular war Más Madrid die grösste Gewinnerin. Die linke Jungpartei überholte gar die Sozialisten (PSOE), die historisch ebenbürtige Gegenspielerin der Konservativen. Más Madrid spaltete sich auf kommunaler Ebene von der ebenfalls noch jungen linken Partei Podemos ab. In der Hauptstadt hat sie sich nun mit ihrer unverbrauchten Agenda als beliebte Alternative für die linke Wählerschaft hervorgetan. Das Modell erinnert deshalb ein wenig an Olten jetzt!

Zwei «Oltner» Weltmeister

Zurück in die Dreitannenstadt. Oder besser gesagt nach Texas: Da gewannen die beiden Kanadier, die dieses Jahr mit dem EHC Olten gross aufspielten, den U18-Weltmeistertitel. Brennan Othmann und Mason McTavish hatten grossen Anteil am Finalsieg gegen Russland. Wer weiss, vielleicht hätten die unbekümmerten Zukunftshoffnungen die Oltner in den Playoffs zum Halbfinalsieg gegen Kloten und somit in noch höhere Sphären befördert. Doch das sind Traumfänger-Gedankenspiele.

Mason McTavish und Brennan Othmann kurz vor ihrer Abreise aus Olten.

Der EHCO sorgte diese Woche gleich mehrfach für Schlagzeilen und der Sport erwies sich wieder einmal als schnelllebiges Geschäft: Der Schwede Fredrik Söderström wird nicht mehr als Cheftrainer zurückkehren – Olten vertraut künftig auf den Schweizer Trainer Lars Leuenberger. Im Kleinholz spricht man wieder Schweizerdeutsch. Söderström wäre gern geblieben. Im Winter hatte er uns Einblick in seine Welt gegeben.

Viele sagen Adieu

Und zum Schluss noch was aus dem Journalismus-Universum. Immer wieder bin ich überrascht, wie mein Beruf beim Gegenüber Respekt auslöst. «Ich bin Journalist» – ein Satz, der etwa meinem Experten bei der Fahrprüfung zu imponieren schien. Dies, obwohl der Beruf nicht mehr die einstige Anziehungskraft hat. Die Branche ist gewaltig unter Druck – die Zahl der Stellen nimmt mit der Medienkonzentration auf grosse Verlage ab. Jede Woche verlässt eine Journalistin den Beruf, wie die Republik neulich aufzeigte. Aber keine Sorge: Kolt bleibt dran.


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