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Der Systemrelevante

Thomas Marbet ist ein Uroltner, der lieber vor Publikum als am Herd steht. Für Beruf und Politik pendelt er zwischen Olten, Bern und Solothurn, wobei ihm Letzteres die meiste Geduld abverlangt.
17. Dezember 2020
Text: Adrian Portmann, Fotografie: Timo Orubolo

Knallen die Korken, muss das nicht zwingend heissen, dass es etwas zu feiern gibt. Bis zu den Stadtratswahlen im März sind es schliesslich noch einige Monate und von Wahlkampf ist bisher nicht viel zu spüren. «Man muss darauf achten, dass man nicht zu früh rausgeht, sonst macht man die Leute verrückt», meint Thomas Marbet. Er sieht den Wahlkampf als Steigerungslauf, bei dem die Energie gut eingeteilt gehört. Nein, die Korken knallen bei Marbet zu Hause, wenn er ausnahmsweise die Kochschürze anhat. «Wenn ich mich mal an den Kochherd wage, gibt es ein feines Champagnerrisotto», verrät er seine liebste und zugleich einzige kulinarische Spezialität. «Ein wunderbares Gericht, weil man sich während der Zubereitung ab und an einen Schluck gönnen kann.»

Bevorzugt nehme er sich in der Küche jenen Dingen an, die er am besten könne. Marbet kümmert sich um den Salat und ums Aufräumen. Er verweist auf seine Schulzeit an der Kantonsschule in Olten. Als der heute 53-Jährige die Schulbank drückte, erhielten die jungen Männer eine Schnellbleiche in Sachen Haushaltsarbeiten, wofür gerade einmal eine Woche im Schuljahr reserviert war. «Wir haben ein paar Gerichte gekocht und einen Trainer genäht», erinnert er sich. Das Kochen überlässt Marbet deshalb vorzugsweise anderen. Zum Beispiel seiner Partnerin, die neben ihrer Arbeit als Lehrperson für technisches Gestalten als selbstständige Industriedesignerin eigene Produkte entwickelt und herstellt. «Du überlegst dir die Dinge dreimal und ich mache sie einfach», habe sie schon zu ihm gesagt. Ganz unrecht habe sie damit nicht. In ihrer Beziehung sei sie die Macherin und er der Denker.

Über den Dächern von Olten, auf der siebten Etage des Stadthauses, bringt gerade eine Angestellte der Stadtverwaltung Kaffee und Wasser, während Marbet von seinem Vormittag im Kantonsrat erzählt. Die Sitzung hätte besser laufen können. SP-Parteikollege Christian Winiger hat die Wahl zum Oberrichter verpasst. Überraschend das Rennen machte Christian Werner von der SVP. Er kenne Werner gut und halte ihn für einen integren Menschen, dennoch erstaune ihn das Wahlresultat in seiner Deutlichkeit. Winiger holte nur gerade 27 von 100 Stimmen. «Unsere Fraktion zählt 23 Personen, was bedeutet, dass unser Kandidat ausserhalb der Partei kaum Stimmen geholt hat und das trotzt seiner ausgezeichneten Qualifikation.» Für Marbet und seine Partei das untrügerische Zeichen einer politischen Wahl.

«In der Legislative kannst du Vorstösse machen, du kannst Anträge stellen, aber du bist schlussendlich nur einer von hundert.»

Thomas Marbet

Die Arbeit im Kantonsratsparlament nehme viel Zeit in Anspruch und das Wechseln zwischen den Ämtern als Kantonsrat und als Stadtrat falle ihm nicht immer leicht. «In der Legislative kannst du Vorstösse machen, du kannst Anträge stellen, aber du bist schlussendlich nur einer von hundert», spricht der Kantonsrat Marbet. Da verliere er manchmal schon etwas die Geduld. «Als Stadtrat habe ich die Möglichkeit, viel mehr zu bewegen», meint der Exekutivpolitiker. Nach einem Eingeklemmten ist Marbet an diesem Mittwoch zurück ins Oltner Stadthaus gereist. Fünf Kilo habe er in den letzten Monaten verloren, meint Marbet mit einer Mischung aus Verwunderung und Stolz. Er führt es auf die Tatsache zurück, dass er zum einen oft zu Fuss unterwegs ist, zum anderen habe das Ausfallen der vielen Gesellschaftsanlässe wie Apéros, Preisverleihungen und Weihnachtsessen, denen er unter anderem in seiner Funktion als Vizestadtpräsident in normalen Zeiten regelmässig beiwohnt, merkbar die Waage entlastet.

Appetit aufs Stadtpräsidium

Über die verlorenen Pfunde freut er sich. Was in diesen Zeiten fehle, sei die Geselligkeit und der Austausch. Marbet fühlt sich wohl unter Leuten, hat keine Hemmungen, auf Menschen zuzugehen und neue Kontakte zu knüpfen. Obwohl er einen eher zurückhaltenden Eindruck macht, geniesst er es, seine Person im Rampenlicht zu sehen. Das erklärt auch, dass Marbet nicht nur die Wiederwahl zum Stadtrat gewinnen will, sondern den Plan hat, in der zweihundertjährigen Stadtgeschichte als erster Sozialdemokrat das Präsidium zu übernehmen. Es wäre eine kleine Sensation im traditionell vom Freisinn regierten Olten. «Die Zeiten wandeln sich, die meisten Städte sind heute in links-grüner Hand und es funktioniert», meint Marbet, der Basel als Beispiel anführt, das trotz oder gerade dank seiner links-grünen Regierung über hervorragende Finanzen verfüge. Auch müsse sich das Selbstverständnis von Olten wandeln. «Wo in der Schweiz hast du nach Steuern, Wohnen und Krankenkasse ein so hohes verfügbares Einkommen wie hier?», fragt Marbet, ohne eine Antwort abzuwarten, und fordert, dass Olten seine Trümpfe, die über die gute Erreichbarkeit und das reichhaltige kulturelle Angebot hinausgehen, besser vermarktet.

Marbets Vater war aktiv in der CVP und Mitglied der christlichen Martinsbruderschaft. «Ein Kohlenschwarzer», sagt Marbet. «Ich erinnere mich, dass ich als Kind am Sonntag nicht selten in der Kirche sass.» Er sei zwar katholisch aufgewachsen, aber nicht strengreligiös. Als junger Mann habe er einmal eine Werbeveranstaltung der JCVP besucht, das aufgetischte Fondue habe er gern gegessen, ihn aber nicht auf den Geschmack gebracht, der Partei beizutreten. Der Vater hielt nicht dagegen, als der Sohn wenig später bei den Sozialdemokraten anheuerte. «Er war sehr liberal und liess uns Kindern immer alle Freiheiten. Schlussendlich ist vieles auch ein Zufall. Hätten die Bürgerlichen mich damals angefragt, wäre heute möglicherweise alles anders.»

Es war eine Genossin, die Marbet dazu brachte, sich politisch zu engagieren. Angefragt, ob er in der Umweltkommission von Olten mitarbeiten möchte, hatte ihn seine damalige Nachbarin Bea Heim, die vierzehn Jahre für die SP im Kantonsrat sass und 2003 in den Nationalrat gewählt wurde. Marbets erste Schritte in der Politik fallen in eine Zeit, als er mit seinem Bruder an Anti-AKW-Demos teilnahm und Bea Heim mit ihrem Elektrofahrzeug – abhängig von der Sichtweise – als Ausgeflippte oder Pionierin galt. «Man kann sagen, dass mich Bea Heim für die Politik elektrisiert hat», sagt Marbet, der die SP als jene Partei sieht, die als erstes die grünen Anliegen vertreten hat.

Zwischen Bank und Beet

Neben der Politik hat sich Marbet nach einem Wirtschaftsstudium in Basel grösstenteils im Finanz- und Versicherungsumfeld bewegt. Er arbeitete bei einer Bank, später bei einer Versicherung, danach bei Tarmed und im Anschluss in der Aufsicht über Finanzintermediäre bei der FINMA. Den Einstieg bei seiner heutigen Arbeitgeberin, der Schweizerischen Nationalbank (SNB), markiert eine ausgeschriebene Stelle im Generalsekretariat der Notenbank. «Protokolle verfassen, viel organisieren, den Geschäftsbericht managen und redigieren», zählt er einige seiner damaligen Aufgaben auf. Als Marbet 2013 in den Stadtrat gewählt wurde, war an eine Vollzeitanstellung bei der SNB nicht mehr zu denken. Marbet wechselte die Funktion und konnte so sein Pensum reduzieren, aus hundert wurden sechzig Prozent. Teilzeitstellen seien bei der SNB eher bei den weiblichen Angestellten verbreitet, aber die Arbeitsmodelle würden sich auch dort im Wandel befinden. «Die Bank macht da die gleichen Schritte wie andere Branchen.»

Die Arbeit im Homeoffice ist für Marbet hingegen keine Option. «Ich bin einer der Systemrelevanten.» Dazu trägt er einen Ausweis auf sich, der es ihm erlaubt, auch im Fall einer Ausgangssperre seinen Arbeitsplatz in Bern zu erreichen. Marbet ist in der Informationssicherheit tätig. Das heisst, er ist verantwortlich dafür, dass keine Informationen über die Gebäudeinfrastruktur in falsche Hände gelangt. Das können Pläne sein, die zeigen, wie Elektronik, Lüftung und Heizung verbaut sind, oder Dokumente, denen zu entnehmen ist, wo sich Zugangskontrollen, Schleusen und Tresore befinden. «Die Dokumente sind so geschützt, dass ich ausserhalb meines Arbeitsplatzes keinen Zugriff darauf habe.»

«Auf der rechten Stadtseite haben wir in den Sommermonaten Sonne bis kurz vor neun.»

Thomas Marbet

Marbet bezeichnet sich als Uroltner. Sein Vater ist auf der linken Stadtseite aufgewachsen, die Mutter auf der rechten. Er selbst verbrachte seine Kindheit mit zwei Geschwistern im Schöngrund, hat lange in der Altstadt gelebt und fühlt sich heute auf der rechten Aareseite wohl. Seinen Stadtratskollegen Benvenuto Savoldelli frage er manchmal im Scherz, wie lange bei ihm im Schöngrund die Sonne scheine. «Auf der rechten Stadtseite haben wir in den Sommermonaten Sonne bis kurz vor neun.» Im Garten seines Eigenheims an der Fustlighalde, wo die Sonne in Olten am längsten scheint, tankt Marbet Kraft für seine Arbeit. «Mit den Händen im Dreck», wie er sagt. Seinen Kopf bekomme er am besten frei beim Spazieren und beim Wandern in der Natur des Juras und auf dem Hasliberg, wo er regelmässig mit seiner Partnerin gastiert und demnächst einen Tag auf den Skiern verbringen will.

Sport zählt nicht zu Marbets Leidenschaften. Auf den Schlittschuhen sei er letztmals vor einem halben Jahrzehnt gestanden. Zwar komme es vor, dass er sich als Stadtrat aufs Glatteis begebe und ins Schleudern gerate, dann aber in seinen glänzend polierten Lederschuhen. Sein Verwaltungsratsmandat bei der Sportpark AG, welche die Eishalle betreibt, gibt er an diesem Abend ab. «Sieben Jahre sind genug.» In zwei Stunden steht seine offizielle Verabschiedung aus dem Gremium auf dem Programm. Es ist davon auszugehen, dass auch an diesem Anlass das Bankett entfallen wird.   


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